Maethor

 

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Grenzwissenschaften, UFOs usw.

Meine ganz persönliche UFO-Sichtung!

Diese Rubrik schreit förmlich danach, dass ich hier eine Sache schildere, die ich vor einigen Jahren erlebt habe. Wobei "erlebt" eigentlich zu viel sagt, denn ich hatte nur die Beobachterposition inne.


Es war an einem Herbstabend nach Sonnenuntergang. Der Himmel war nur von wenigen Wolken bedeckt, es war kühl, aber nicht unangenehm. Ich hielt mich in meinem "Appartment" auf, einem winzigen Kabuff, etwas größer als ein Kaninchenstall, und tat irgend etwas Harmloses. Mein Blick wanderte durch das Nord-West-Fenster über den dunklen Vorgarten und die stille Vorortstraße. Ich wohnte im Außenbezirk der Stadt, wenige Hundert Meter weiter schlossen sich Felder, unerschlossene Wiesen und dahinter ein großes, unbesiedeltes Waldgebiet an. Um so größer war meine Überraschung, dass gerade aus dieser Richtung ein gleißendes, orangerotes Leuchten drang. Ich ging ans Fenster. Die Lichtquelle befand sich schätzungsweise in einem Winkel von 25 bis 30° über dem Horizont. Mein Gedanke an die Positionsleuchten eines Flugzeugs zerstreute sich rasch, denn der Lichtpunkt war viel zu groß und schien völlig reglos in der Luft zu verharren. Das Ding hatte bohnen- oder nierenform, die konvexe, nach außen gewölbte Seite wies zum Boden. Ich ging nach draußen, um einen besseren Blick zu erhaschen. Die ganze Zeit über behielt ich das Objekt im Auge, als es sich plötzlich bewegte. Es schwankte von Seite zu Seite, wie eine Schaukel oder wie in Blatt im Wind. Eine Reflektion, z.B. eines starken Scheinwerfers an einer Wolke, konnte ich inzwischen ausschließen. Einerseits war der Himmel nur spärlich bewölkt, und das Licht war viel zu hell, um etwa ein Disco-Scheinwerfer zu sein. Es musste sich um eine primäre Lichtquelle handeln. Nach einer Weile beschloß ich, zum Haus zurückzugehen. Da mir die Sache doch keine Ruhe ließ, rief ich einen Freund an, und wir spekulierten eine Weile. Als ich den Hörer auflegte, sah ich erneut aus dem Fenster, und das Licht stand immer noch am Himmel. Es hatte inzwischen lediglich aufgehört sich zu bewegen. Es blieb auch noch den ganzen Abend. Zwischen 22 und 23 Uhr bewegte es sich erneut auf die charakteristische Weise, ehe es plötzlich verschwand, als wäre es nie dagewesen.


Für mich ist diese vielleicht unspektakuläre Sache das erste und bisher einzige Ufo, das ich gesehen habe. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das gewesen sein könnte. Alle Erklärungen scheiden aus: Es war mit Sicherheit kein Komet, nicht die tiefstehende Venus oder Jupiter und auch kein Stern. Ein Flugzeug oder Hubschrauber scheidet aus, ebenso eine Reflektion. Und ein Schwarm Gänse, der von der untergehenden Sonne illuminiert wurde, wird es wohl ebenso wenig gewesen sein wie ein Heißluft- oder Wetterballon. Die Experten von MUFON-CES würden das Ganze wohl als Ufo der "Klasse B" einordnen... 

8.8.04 20:05


Expertenfragen Teil 3 - Conclusio

(lies Teil 1 und Teil 2, s.u.)


Dank des Experten weiß ich nun:


1. Ich habe einmal was am Himmel gesehen, von dem
ich eigentlich nur sagen kann, was es NICHT war. Ein
klassisches UFO eben. Jetzt weiß ich, dass ich psychosoziale Probleme habe und besser aufpassen sollte, in welchen Kreisen ich verkehre.  Vielleicht bin ich auch einfach nur total durch den Wind!


2. Meine UFO-Sichtung beweist mir ganz klar, dass ich einer Ersatzreligion anhänge. Mit meiner UFO-Sichtung bin ich erst zum Anhänger einer Ersatzreligion geworden. Einleuchtend!


3. Außerdem bin ich nicht diskussionsfähig. Jetzt merke ich erst, dass ich tief im Innern immer schon ein
Fundamentalist war! Daher auch meine Vorliebe für Bärte, komische Hüte und Sprengstoff!

4.8.04 15:44


Expertenfragen Teil 2

(Einführung/Bemerkung s.u. Teil 1)


"Kann man mit einem UFO-Anhänger überhaupt rational diskutieren?


Nein, genauso wenig wie mit einem Esoteriker. Und mit einem, der glaubt, er habe ein UFO gesehen schon gar nicht. Kritiker gelten als unwissend oder gar böswillig. Über eine fundamentalistische Religion lässt sich schließlich auch nicht streiten. Wer ihr anhängt, wähnt sich im Besitz der Wahrheit."


- Hier liegt der charakteristische Fehler im Denkansatz des Experten. Mit seinen Antworten auf die Fragen
1-3 hat nämlich er selbst der Möglichkeit einer rationalen Diskussion jede Grundlage entzogen. Er hat
bereits zu verstehen gegeben, dass aus dem Rahmen des
Rationalen, wie er ihn begreift, alle Erscheinungen
ausdrücklich auszuklammern sind, die man unter dem Oberbegriff UFO zusammenfassen könnte. Aufgrund dieser
vorurteilsbewehrten und undifferenzierten Haltung können sich die Diskussionsfäden höchstens ineinander verhaken und verknoten, nicht aber eins auf dem anderen
aufbauen.


"Gibt es eine direkte Linie von den Geistwesen, an die
Menschen früher geglaubt haben, bis zu den UFOs von
heute?


Die gibt es. Nur hat sich ihr Äußeres entsprechend
dem Zeitgeist verändert. Einst haben Kobolde Menschen
entführt, im ausgehenden 20. Jahrhundert sind es eben
Außerirdische in UFOs. Die alten Ängste und Hoffnungen aber sind noch immer da und steigen aus dem
Unterbewusstsein hoch. Das alles lässt sich mit der
Tiefenpsychologie erklären. Man sehe etwa bei C.G.Jung
nach."


- C.G.Jung ist eine gute Quelle - sofern man seine
Arbeiten gerade zum UFO-Thema versteht. Grob gesagt kann man aus Jungs Werk entnehmen, dass er UFOs keineswegs als Hirngespinst betrachtete und Psyche und Selbst für ihn etwas anderes war als neurochemisch
gesteuerte Einbildungen. Kostprobe gefällig?


"Die tieferen "Schichten" der Psyche verlieren mit zunehmender Tiefe und Dunkelheit die individuelle Einzigartigkeit. Sie werden nach "unten" (...) zunehmend kollektiver, um in der Stofflichkeit des Körpers, nämlich in den chemischen Körpern, universal zu werden und zugleich zu erlöschen. Der Kohlenstoff des Körpers ist überhaupt Kohlenstoff. "Zuunterst" ist daher Psyche überhaupt "Welt"." (in K. Thompson, Engel und andere Außerirdische,
München 1996)


"Wie sollten Wissenschaften mit UFOs und UFO-Gläubigen umgehen? Welche Wissenschaften sind gefragt?


Man muss das Theman schon ernst nehmen. Psychologie, Soziologie, Medizin, Medienforschung und die Wissenschaft, die sich mit tradierten Erzählformen befasst, sind besonders gefordert. Leider geht die Schulwissenschaft, besonders in den Naturwissenschaften, diesen Fragen aus dem Wege. Entweder sind die Forscher unsicher, oder sie fühlen sich über das Thema erhaben. Sie sollten sich ihm aber positiv-skeptisch und ohne Voreingenommenheit stellen. Zwar ist die Existenz von Ufos nicht bewiesen, für das Gegenteil gilt dies aber auch. ..."


- Was für ein versöhnlicher Abschluß! WENN die etablierten Wissenschaften aufgeschlossen und VORURTEILSLOS an die UFO-Thematik herangehen,
also den ganzen normativen Ballast abwerfen, den der
Experte so anschaulich dargestellt hat, dann stimme ich
dem voll und ganz zu!


Übrigens muss der Experte von Dänikens "Erinnerungen an die Zukunft" gelesen haben, denn darin rief der schon 1968 alle Wissenschaften auf, ihre Erkenntnisse und Fähigkeiten in einenTopf zu werfen, um in gemeinsamer Anstrengung gezielt nach außerirdischer Einflußnahme bzw. Präsenz zu forschen...

4.8.04 12:25


Expertenfragen Teil 1

Ich habe die Tage einen etwas längeren Kommentar zu einem Artikel aus einem namenlosen Provinzblatt ausgegraben, der bereits vor einigen Jahren erschien. Im Ursprungstext versuchen der Interviewer und der nicht namentlich genannte "Experte" ein Annäherung ans Thema "UFOs", die meiner Meinung nach gründlich danebengeht. Da das Ganze recht gut zu dem letzten geposteten Artikel "Archetypus der Moderne" passt und außerdem illustriert, wie unwissenschaftlich manche Wissenschaftler werden, wenn sie sich zu UFOs äußern sollen (schöne Grüße an Ranga Yogeshwar ), stelle ich den Text hier rein. Meine Anmerkungen sind in Kursiv gehalten.


 


"Was sind Ihrer Ansicht nach UFOs?


Ich glaube nicht, dass sie Besucher aus dem Weltall sind oder sogar aus anderen Dimensionen oder der Zukunft kommen. Ihre Sichtungen sind auf psychosoziale Phänomene bei Menschen zurückzuführen, die sie erleben."


- Glauben heißt aber nicht Wissen. Hier spricht der Experte also nicht als Wissenschaftler, sondern bringt seine ganz persönliche Meinung und Bewertung zum Ausdruck. Vielleicht aus dieser Not heraus schiebt er oder sie den Schwarzen Peter den "psychosozialen Phänomenen" zu - was immer darunter zu verstehen ist. Ohne verbale Verrenkungen ist wohl einfach
gemeint, dass UFO-Zeugen nicht die Wahrheit sagen. Denkt man diesen Gedanken weiter, liegt der Verdacht nahe, dass der Experte Zeugen von UFO-Sichtungen in die Nähe von Geistesgestörtheiten rücken will.


"Warum sehen bestimmte Menschen UFOs und andere nicht?
Glaubt jemand an UFOs, weil er sie sieht oder sieht er
sie, weil er an sie glauben will?


Das Letztere ist der Fall. Das Sichten von UFOs hängt mit einem Ersatzglauben zusammen, der nicht an die Kirche gebunden ist. Menschen brauchen einen Glauben. UFOs und andere Erscheinungen, mit denen sich die so genannten
Parawissenschaften beschäftigen, sind dafür gut geeignet."


- Das ist falsch. Nach dieser Lesart müßte ein Erich
von Däniken täglich Besuch von Außerirdischen haben.
Er beharrt jedoch darauf, in seinem ganzen Leben
noch kein UFO gesehen zu haben - und das trotz seiner
Bejahung der Existenz Außerirdischer. Es ist auch nicht
wirklich davon auszugehen, dass das Auftreten von UFOs und anderen paranormalen Erscheinungen zurückgeht, sobald sich mehr Menschen davon überzeugen lassen, in die Arme der Großkirchen zurückzukehren. Natürlich wimmelt es im Umfeld der UFOs von Sektierern und
Scharlatanen. Das schließt jedoch keineswegs aus, dass der Experte hier Ursache und Wirkung verwechselt.


"Was für eine Art Mensch ist der Beobachter?


Er will sich von anderen abheben. Er meint er wisse mehr als der Durchschnitt und damit auch über verborgene Dinge."


- Inwiefern? Welchen handhabbaren Wissensvorsprung
sollte der "Beobachter" einer rätselhaften Erscheinung
gegenüber dem "Durchschnitt" haben? Natürlich baut der
Experte hier auf seine Antworten auf Frage 1 und 2 auf:
Nur wer bereits einem Irrglauben mit dogmatischen
elitären Ansprüchen anhängt, kann überhaupt in die
Situation geraten, ein UFO zu sehen. Damit nimmt der Experte bereits die Antwort auf alle möglichen Fragen vorweg. Es erinnert etwas an "Catch 22".


"Warum lassen sich UFO-Gläubige von offiziellen Dementis nicht beeindrucken? Zum Beispiel was den angeblichen "Roswell-Zwischenfall" betrifft.


Speziell in Amerika spielt die Vermarktungsstrategie in Film und Fernsehen dabei eine wichtige Rolle. Und dort gibt es auch immer mehr Menschen, die der Regierung in Washington misstrauen, die glauben, es gebe eine Verschwörung gegen die Wahrheit."


- Das mag sein. Die andere Seite der Münze ist jedoch, dass gerade die amerikanischen militärischen und staatlichen Behörden jahrzehntelang Fallstudien und Untersuchungsergebnisse zurückhielten. Aufgrund dieser simplen Tatsache ist ein Mindestmaß an Mißtrauen niemandem zu verdenken.

4.8.04 11:12


Ufos

Archetypus der Modernefficeffice" />


 


 


„Wunder geschehen nicht im Widerspruch zur Natur, sondern nur im Widerspruch zu dem, was wir von der Natur wissen.“ – Hl. Augustinus


 


 


„Ein wahrer Skeptiker kann nicht von vornherein akzeptieren, dass etwas unmöglich ist.“ – Budd Hopkins, Ufo-Forscher


 


 


 


Warum denkt man eigentlich sofort an Außerirdische, wenn der Begriff UFO fällt? Der in den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägte Ausdruck ist eine aus der Not heraus geborene Wortneuschöpfung, um einem ungewöhnlichen und rätselhaften Phänomen einen Namen zu geben. Das Wort Ufo ist die Abkürzung von „unidentified flying Object“, zu Deutsch „unidentifiziertes Flugobjekt“. Von Außerirdischen ist dabei noch keine Rede. Ein weiterer häufiger Name für das Phänomen ist „Fliegende Untertasse“ („Flying Saucer“). Der Pilot Kenneth Arnold wählte diese Worte, um die Bewegungen zu beschreiben, die die neun leuchtenden Objekte vollführten, die er am 24. Juni 1947 über dem Mount Rainier im US-Staat Washington sah: „Wie Untertassen, die man übers Wasser schlittern lässt.“[i] Eifrig griff die Presse die Sensation auf. Zum ersten Mal hatten „Fliegende Untertassen“ die Schlagzeilen besetzt. Kenneth Arnolds Sichtung sehen viele Forscher als die Geburtsstunde der Ufologie. Da das Thema in mehr als 50 Jahren nie ganz aus dem Bewusstsein verschwunden, sondern durch regelrechte Sichtungswellen, die rasche Verbreitung von Ufo-Literatur und die breite  Berichterstattung der Massenmedien immer populärer geworden ist, assoziiert wohl die Mehrheit der Menschen die Worte „Fliegende Untertasse“ mit einem runden, diskusförmigen Raumschiff, bemannt mit kleinen „grünen Männchen“.


Arnolds Sichtung wurde in der Öffentlichkeit lebhaft diskutiert. Zudem wurden mehr und mehr Berichte über weitere ungewöhnliche Erscheinungen am Himmel publiziert. Man dachte darüber nach, wo der Ursprung und was die Natur der Phänomene sein mag. Die US-Luftwaffe beschäftigte eigene Experten und stellte die ersten systematischen Untersuchungen an. Denn viele Berichte enthielten Details, die scheinbar nahe legten, dass die Ufos von irgendeiner Intelligenz gelenkt wurden. Typisches Beispiel sind die Manöver der fliegenden Objekte – Kursänderungen bei atemberaubender Geschwindigkeit und in spitzen Winkeln, also Bewegungen, die weder mit herkömmlichen Flugzeugen durchzuführen noch charakteristisch für Naturereignisse sind, etwa meteorologische Phänomene oder Meteore. Vor allem zwei Gedanken waren für das Interesse der Luftwaffe ausschlaggebend. Erstens, die unidentifizierten Flugobjekte sind der amerikanischen Militärtechnologie weit überlegen. Und da dies so ist, stellen sie eine potenzielle Bedrohung für die USA dar, solange sie unidentifiziert sind. Nun war die Frage, welche Macht in der Lage sein könnte, Flugzeuge zu entwerfen und herzustellen, die die beobachteten Eigenschaften aufweisen. Natürlich verdächtigte man die Sowjetunion. Waren die Ufos eine Geheimwaffe der Russen? Wenn nicht, woher kommen sie dann? Nicht von dieser Welt, aus dem Weltraum?


Nach wenigen Jahren setzte sich diese Auffassung durch, das heißt sie wurde von den meisten Menschen geteilt, die der Ufo-Thematik nicht ablehnend gegenüberstanden. Freilich gab es keinen greifbaren Beweis, dass die Ufos tatsächlich außerirdische Raumschiffe waren. Einige Berichte wurden außerdem als Schwindel entlarvt. Die US-Luftwaffe verlor vorübergehend das Interesse, als sich herausstellte, dass die Russen ihre Finger doch nicht im Spiel haben. Spätere Untersuchungen wie das Projekt „Grudge“ und der Condon-Report lancierten vor allem eine Botschaft an die Öffentlichkeit: Ufos lassen sich herkömmlich beschreiben und deuten, deshalb besteht kein weiterer Forschungsbedarf. In Anbetracht der Fakten, die in Wahrheit beobachtet wurden, sowie der Tatsache, dass die Luftwaffe und andere offizielle Stellen ihre Forschungen heimlich weiterführten, lässt sich diese Haltung nur als großangelegte Verschleierung interpretieren.[ii]


In diese Zeit fällt die erste und elementarste Spaltung der Öffentlichkeit in ihrer Einstellung zu Ufos, nämlich die Bildung der Lager der „Skeptiker“ und „UFO-Enthusiasten“. Da es nicht gelang, rasch eine befriedigende und umfassende Erklärung für die Ufos zu finden, griffen beide Lager die Ungereimtheiten in der Argumentation der Gegenseite fleißig auf. Während Militärs und Regierung auf Anfrage meistens erklärten, sie beschäftigten sich nicht mit der Erforschung des Phänomens, wurde der Ton in der Tagespresse allmählich schärfer. Für die „Skeptiker“ waren Ufos ohnehin ein Hirngespinst. Sie behaupteten, dass alle Sichtungen entweder auf harmlose Naturereignisse zurückzuführen seien, oder aber auf die Lügen, Unwissenheit oder Sinnesgestörtheit der Zeugen. Die „UFO-Enthusiasten“ warfen den „Skeptikern“ ihrerseits vor, dass sie harte Fakten wie Radaraufzeichnungen von Ufos sowie Landespuren und Wechselwirkungen ignorierten,  sowie Zeugenberichte ihrem Sinn nach verdrehten und den Zeugen selbst pauschal Wichtigtuerei und Geisteskrankheit unterstellten. Einem UFO-Gläubigen dagegen galten diese Feststellungen gleich als Beweise für das Schalten und Walten Außerirdischer auf der Erde. Bald vermuteten viele hinter jedem Lichtschein am Himmel ein UFO.


Diese Auseinandersetzung wurde vor allem in der Tagespresse ausgetragen. Im Grunde bestimmt sie bis heute das Bild, wie über Ufos Bericht erstattet wird. Die Medien gingen dazu über, die Ufos ins Lächerliche zu ziehen. Grund hierfür sind nicht nur die manchmal bizarren Geschichten und offenkundigen Fälschungen oder der Umstand, dass die Regierungen die Berichte über „Fliegende Untertassen“ tapfer dementierten. Schon der Dauerzank der „Experten“ ist an sich unwürdig und lächerlich. Alle anderen Aspekte des Phänomens wurden dadurch in den Hintergrund gedrängt. Im Bewusstsein der Massen spielen sie meistens eine untergeordnete Rolle: Denn auch sie führen nicht zu den erhofften schnellen, umfassenden Antworten.


Da sich die Kontrahenten statt mit dem Phänomen mehr damit befassen, wie die Gegenseite zum Schweigen gebracht werden kann, verkennen sie die Natur der Ufos. Dabei ist schon in den Worten „unidentified flying object“, die in den 50er Jahren ständig in den Akten der Air Force auftauchten, der Charakter der Erscheinungen beschrieben. „Identifiziert“ werden können Ufos schon allein deshalb nicht ohne weiteres, weil das Phänomen so komplex und vielgestaltig ist. „Fliegende Untertassen“, die man gemeinhin als scheibenförmige fliegende Gebilde assoziiert, stellen nur einen Ausschnitt aus einem weit umfangreicheren Spektrum dar. Beobachtet wurden Dutzende, wenn nicht Hunderte von unterschiedlichen Formen. Die geheimnisvollen Feuerbälle, die in den späten 40er Jahren zuhauf über dem Südwesten der USA auftauchten, oder die sogenannten „Foo Fighters“, winzige technisch anmutende Objekte, die Flugzeuge mit großer Geschwindigkeit umkreisten, haben äußerlich nichts mit „Fliegenden Untertassen“ zu tun. Dennoch zählen selbstverständlich auch sie zur Kategorie der Ufos.[iii]


Bezeichnenderweise verhalten sich Angehörige vom Stamm der „Skeptiker“ und der „UFO-Enthusiasten“ meistens so, als hielten sie den Universalschlüssel zur Lösung des großen Rätsels in der Hand. Für Skeptiker sind Ufos nichts als Halluzinationen und falsch interpretierte Naturschauspiele, Punctum. Ufo-Gläubige verkünden, dass für alle Sichtungen Außerirdische vom Planeten X oder Y mit einer Mission zur Erde verantwortlich seien. Im Brustton der Überzeugung vorgetragen, machen die Erklärungen beider Seiten leicht vergessen, dass es einen ganzen Berg ungeliebter Fakten gibt, die einfach weggelassen werden, weil sie nicht ins Schema passen. Dies führt jedoch nicht dazu, dass sich das Thema stillschweigend von selbst erledigt, wie es die Anhänger beider Lager auf jeweils ihre Weise hoffen. Vielmehr entsteht ein merkwürdiger Tanz, der das Ufo-Phänomen unter gegenseitigen Schuldzuweisungen und Streitereien umkreist, ohne jemals zum verborgenen Kern des Rätsels vorzustoßen. So sind beide Parteien in ihrer Beweisführung in den letzten fünf Jahrzehnten keinen einzigen echten Schritt weitergekommen. Ufos, indes, zeigen sich nach wie vor, von alldem ganz unbeeindruckt. Mir scheint die ewige Debatte – pro Ufo, contra Ufo – mit Verlaub genauso sinnvoll zu sein wie ein Zank pro oder contra Wetter oder Schwerkraft.


Die enorme Komplexität des Phänomens verbietet also rasche, einfache Antworten. Es kommt jedoch noch eine zweite erschwerende Komponente hinzu, die beinahe im Widerspruch zur Komplexität zu stehen scheint, nämlich die Flüchtigkeit. Ufos wurden vor 50 Jahren eben zumeist als in einiger Entfernung schwebende oder vorbeirasende Objekte gemeldet. Wenn überhaupt, so ließ sich die Beobachtung erst im Nachhinein durch die eventuell vorhandenen Wechselwirkungen des Ufos mit seiner Umgebung durch Dritte bestätigen. Der Psychologe Carl Gustav Jung, der sich damals mit dem Phänomen befasste, bezeichnete die Bewegungen der Ufos als „schwerelos wie Gedanken“. Der Vergleich ist durchaus zutreffend. Obwohl bis heute Abertausende von Augenzeugenberichten zu Ufos der unterschiedlichsten Art vorliegen, kommt man doch nicht umhin festzustellen, dass die E.T.´s (oder wer oder was auch immer) erstaunlich wenig an Material, an wirklich greifbaren Beweisen und Spuren hinterlassen haben. Ferner gibt es keine Möglichkeit, um Ufo-Begegnungen zuverlässig vorauszusagen oder sie unter „Laborbedingungen“ zu reproduzieren. Die große Mehrheit der unidentifizierten Flugobjekte taucht plötzlich auf und löst sich scheinbar wieder in Luft auf. 


Beide Faktoren – Komplexität und Flüchtigkeit – sind elementare Eigenschaften des ganzen Phänomens. Zusammengenommen ergibt sich aus ihnen das bizarre Wechselspiel, das die geheimnisvolle und widersprüchliche Natur der unidentifizierten Flugobjekte bestimmt. Sie lassen keine Chance auf simple, bequeme Antworten.


In Anbetracht des Theaters, das um Ufos und Außerirdische gemacht wird, kann ich es nur nachvollziehen, wenn sich viele Menschen desinteressiert und frustriert von der Thematik abwenden oder sich ihr von vornherein verschließen. Jahrein, jahraus das Hickhack der Skeptiker und der Ufo-Fans. Die endlosen Fehden und Anfeindungen, die innerhalb der in kleinste Lager und ihre Gurus zerfallenen „Ufo-Szene“ ausgeheckt und ausgetragen werden. Im Gegensatz zu ihr ist die Front der Skeptiker geschlossener, da sie sich auf das wissenschaftliche Establishment und umfangreiches Fachwissen sowie einen hochspezialisierten Forschungsapparat stützen können. Jedoch sind die „Experten“ mit ihrem Latein recht schnell am Ende, wenn es zur Sache geht. Den meisten Expertenaussagen ist auf den ersten Blick anzusehen, dass sich ihre Urheber offenbar nie mit dem Basiswissen der Ufo-Forschung vertraut gemacht haben. Grund: Auch heute noch sind Ufos für den „seriösen Wissenschaftler“ ein Tabu. Ein schwieriges, etwas anrüchiges Thema, um das man besser einen Bogen machen sollte, wenn man nicht ins Zwielicht geraten will. Für den Erzskeptiker steht ohnehin schon von vornherein fest, dass es Ufos nicht gibt. Demnach besteht auch kein Forschungsbedarf – basta. Aus dieser Einstellung erhellt, warum die etablierten Wissenschaften nicht in der Lage sind, einleuchtende Erklärungen für viele der Tausenden von Sichtungen zu geben, die jährlich als Ufos gemeldet werden. Ufo-Zeugen und Wissenschaftler reden aneinander vorbei, wenn die „Experten“ glauben, dass sie bereits die Antworten auf Fragen haben, die noch gar nicht gestellt worden sind. Leider bemerkt ein voreingenommener Wissenschaftler gar nicht, dass aus demselben Grund seine Waffen, seine Argumente, die er gegen das Lager der Ufo-Gläubigen vorbringt, völlig stumpf sind.


Aber was bleibt dann noch, wenn alle eingenommenen Positionen letzten Endes angreifbar sind und durch ein rätselhaftes und verwirrendes Phänomen der Boden der Tatsachen selbst schwankend geworden ist? Zuallererst Berge von Zeugenaussagen und Indizien, die nicht so einfach vom Tisch zu fegen oder zu verdrängen sind.


Der Schweizer Psychologe und Psychiater Carl Gustav Jung, ein Gelehrter von Weltruhm, veröffentlichte 1958 eine Schrift mit dem gewundenen Titel „Ein moderner Mythus. Von Dingen, die am Himmel gesehen werden“.[iv] Jung geht durchaus kritisch, aber aufgeschlossen an das Ufo-Phänomen heran. Sein Buch ist die Essenz seiner jahrelangen Beschäftigung mit der Thematik. Seinerzeit stand ihm selbstverständlich nur ein Bruchteil der Fakten und Informationen zur Verfügung, die wir bis heute angehäuft haben. Als Psychologe beleuchtet er freilich nur die psychische Dimension des Phänomens und lässt alle anderen Aspekte bewusst außen vor. Dabei ist das Bemerkenswerte seines Ansatzes, dass er sich nicht in die ewige Debatte zwischen Skeptikern und Ufo-Fans einmischt und folglich keine Partei ergreift. Stattdessen versucht er, mit den ihm zur Verfügung stehenden Methoden seiner Wissenschaft die berichteten Fakten auszuwerten und zu deuten. Zusammenfassend beschreibt er die Problematik bei der Interpretation der Erscheinungen:


 


„Die gleichzeitige visuelle und Radar-Beobachtung wäre an sich ein befriedigender Realitätsnachweis. Leider machen uns aber wohlbeglaubigte Berichte insofern einen Strich durch die Rechnung, als es anscheinend Fälle gibt, wo das Auge etwas sieht, das aber auf dem Radarschirm nicht erscheint, oder es wird ein Objekt zwar durch Radar unzweifelhaft beobachtet, aber vom Auge nicht wahrgenommen. Noch andere und noch merkwürdigere Berichte, die sich auf maßgebliche Zeugnisse stützen, will ich aber schon gar nicht erwähnen, da sie um ihrer ungeheuerlichen Natur willen den Verstand und die Glaubensbereitschaft auf eine zu harte Probe stellen.“


 


Jungs psychologische Deutung verknüpft Ufos mit den Archetypen, universellen Symbolen, die aus dem von Jung postulierten „kollektiven Unbewussten“ der Menschheit stammen und sowohl im Schicksal des Einzelnen als auch im kollektiven Schicksal der ganzen  Menschheit von großer Bedeutung sein sollen. Mit seinen Interpretationen hält sich Jung auffallend zurück. Jedenfalls liegt es ihm fern, alle Ufo-Erscheinungen als Hirngespinste abzukanzeln. Auch ihre physische Realität schließt er ausdrücklich nicht aus. Als ein Psychologe ist es nur nicht seine Aufgabe, sich damit auseinander zu setzen.


 


„Es scheint mir – mit allen nötigen Vorbehalten – eine dritte Möglichkeit zu geben: Die Ufos sind reale stoffliche Erscheinungen, Wesenheiten unbekannter Natur, die, vermutlich aus dem Weltraum kommend, vielleicht schon seit langen Zeiten den Erdbewohnern sichtbar waren, aber sonst keinerlei erkennbaren Bezug zur Erde oder deren Bewohnern haben.“


 


Weiter heißt es:


 


„Den Anlass zu der Manifestation der latenten [also unbewussten] psychischen Inhalte gibt das UFO. Wir wissen von ihm mit einiger Sicherheit nur, dass es eine Oberfläche besitzt, die vom Auge gesehen wird und zugleich ein Radarecho zurückwirft. Alles andere ist vorderhand dermaßen unsicher, dass es als unbewiesene Konjektur beziehungsweise Gerücht gelten muss, solange man nicht mehr darüber in Erfahrung bringen kann.“


 


Laut Jung gibt es gar keine echte Grenze zwischen der physischen, stofflichen, unbelebten Welt und der psychischen, geistigen, belebten Welt. Er schätzt die Bedeutung der menschlichen Psyche so hoch ein, dass er sie an anderer Stelle geradezu mit der „Welt“ gleichsetzt. Die Ufos sind ihm ideale Projektionsflächen für diese Urkraft der Psyche.


 


„Dazu muss ich nun bemerken, dass, auch wenn die Ufos physisch wirklich sind, die entsprechenden psychischen Projektionen dadurch nicht eigentlich verursacht, sondern nur veranlasst sind. Mythische Behauptungen solcher Art waren mit und ohne Ufos schon immer vorhanden. Vor der Zeit der Ufobeobachtungen ist allerdings niemand auf den Gedanken verfallen, jene mit diesen zu verknüpfen.“


 


Aufbauend auf seine Archetypenlehre bringt Jung die Ufos in Zusammenhang mit Ganzheitssymbolen, mit Mandalas, mit religiösen Motiven, mit Götter- und Heldensagen – eben den zu jeder Zeit existierenden „mythischen Behauptungen“.


 


„Epiphanien[v] dieser Art sind in der Tradition vielfach mit Feuer und Licht [m.E. „klassische“ Begleiterscheinungen heutiger Ufos, Anm. Maethor] verbunden. Auf dem Niveau der Antike können deshalb die Ufos leicht als „Götter“ verstanden werden.“


 


Mythos. Götter. Ufos. Außerirdische. Ist es zu weit hergeholt, wenn ich jetzt wieder Erich von Däniken ins Spiel bringe...? Von Däniken befasst sich zwar überwiegend mit prähistorischen Ufos – vorausgesetzt, dass die Ufos eben von außerirdischen Raumfahrern gelenkt werden. Ferner ist er ein wissenschaftlicher Laie, anders als sein Landsmann Jung. Seine Voraussetzungen sind andere. Dennoch hantiert er mit denselben Begriffen. Abgesehen davon stehen diese Begriffe bei beiden Autoren untereinander in ähnlichen Beziehungen. Beide stützen sich bei ihren Untersuchungen auf lange Indizienketten; der eine auf uralte Überlieferungen, der andere auf die Fülle von zeitgenössischen Ufo-Berichten. Die Hintergründe und Ansätze der beiden Forscher sind also verschieden, aber bemerkenswert ist, dass beide schließen, dass sich das Ufo-Phänomen bis weit in die menschliche Vergangenheit zurückverfolgen lässt.


Der Deutsche Dr. Johannes Fiebag spezialisierte sich seinerzeit auf einen weiteren aufsehenerregenden Aspekt des Ufo-Phänomens, nämlich die „Entführungen durch Außerirdische“. Zahlreiche Zeugen einer Ufo-Erscheinung wollen das Objekt nicht nur aus nächster Nähe beobachtet haben, sondern außerdem von der Besatzung ins Innere des Flugkörpers verbracht worden sein. Dort – oder wo auch immer – müssen die Opfer unterschiedliche Prozeduren und Untersuchungen über sich ergehen lassen. Häufig kommt es auch zu einem Dialog mit den fremdartigen Wesen.


Jedem, der sich neu auf das Thema Ufo einlässt, dürften sich bei derart bizarren Geschichten erst einmal die Haare sträuben. Dennoch ist es nicht so einfach, alles als Lügen oder moderne Schauermärchen abzutun. Fiebag zitiert das 350 Jahre alte Protokoll eines Hexenprozesses. In dem Bericht steckt eine Fülle von Details, wie sie für die modernen Entführungen durch Außerirdische charakteristisch sind. Zusammenfassend erklärt Fiebag:


 


„In einem Hexenprozess in Groß-Salze gegen Margarethe Kolbe aus Schönebeck an der Elbe aus dem Jahre 1655 finden wir nahezu identische Aussagen, wie sie von heute entführten Frauen auch kommen könnten: das Auftreten des Bedroom Visitors in Form eines kleinen grauen Männchens; vollständige Körperparalyse, die es unmöglich macht, sich zu bewegen; daran anschließend die Geschehnisse „an Bord“ [des Raumschiffes, Anm. Maethor] (oder wo auch immer) einschließlich der so häufig  auftretenden Eingangs- und Ausgangsamnesie (die Betroffenen (...) erinnern sich nicht, wie sie an Bord gelangten und von dort wieder an den Ausgangspunkt ihres unfreiwilligen Abenteuers zurückkehren); die Präsentation eines zuvor „gestohlenen“ Hybridkindes; ein weiteres, großes Wesen in weißer Kleidung, das das Hybridkind begleitet und beaufsichtigt; die Aufforderung, für das Kind zu sorgen usw.“[vi]


 


Da die Ankläger den unheimlichen Besucher der Margarethe Kolbe für den Teufel hielten, landete die unglückliche Frau auf dem Scheiterhaufen.


Die frappierende Ähnlichkeit der Ereignisse aus den Prozessakten mit den charakteristischen Merkmalen moderner Ufo-Entführungen verbietet es, hier den Zufall als Erklärung anzuführen. Genauso wenig hilft die Denkart, dass die Aussage auf ein grassierendes Gerücht zurückzuführen ist. Für bloße Meinungen und landläufige Gerüchte ist es nämlich absolut atypisch, über einen Zeitraum von immerhin 350 Jahren praktisch unverändert zu existieren. Zu welchen Ergebnissen wäre Carl Gustav Jung gekommen, wäre er in der Lage gewesen, seine Erkenntnisse mit denen eines von Däniken oder Fiebag auszutauschen?


Jacques Vallee, der französische Astrophysiker und Ufologe, empfiehlt seinen Kollegen die Rückkehr zur Feldforschung.[vii] Nur dadurch lasse sich der Stillstand in der Ufo-Forschung überwinden. Von der gezielten und gewissenhaften Erforschung des Phänomens erwartet Vallee neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die unser Weltbild ergänzen könnten.


Ein weiterer, entscheidender Impuls kommt – wieder einmal – von Erich von Däniken. Der forderte schon 1968 ein „utopisches Jahr“, in dem Wissenschaftler aller Fachbereiche ihre Fähigkeiten und Erkenntnisse konzentrieren und austauschen sollten, um gemeinsam den möglichen Spuren von Außerirdischen in der Vergangenheit der Erde nachzuforschen:


 


„Ein utopisch-archäologisches Jahr ist fällig! In diesem einen Jahr hätten sich Archäologen, Physiker, Chemiker, Geologen, Metallurgen und alle korrespondierenden Zweige dieser Wissenschaften mit der einen einzigen Frage zu beschäftigen: erhielten unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltall?


Beispielsweise wird ein Metallurg einem Archäologen bündig und schnell erklären können, wie kompliziert es ist, Aluminium zu gewinnen. Ist es nicht denkbar, dass ein Physiker in einer Felszeichnung auf Anhieb eine Formel erkennt? Ein Chemiker mit seinen hochentwickelten Arbeitsgeräten kann vielleicht die Vermutung, dass Obelisken durch nasse Holzkeile oder durch unbekannte Säuren aus dem Gestein gelöst wurden, bestätigen.“[viii]


 


Um den modernen „Aliens“ auf den Leib zu rücken, dürften auch Psychologen, Historiker, Völkerkundler, Linguisten, Mathematiker, Philosophen usw. von großem Nutzen sein. Der Harvard-Professor für Psychologie und Pulitzerpreisträger John Mack hat bereits eine vielbeachtete Studie über die Ufo-Entführungen veröffentlicht.[ix] Historiker und Völkerkundler könnten die großen Bibliotheken und den Sagenschatz der Menschheit nach vergessenen oder bisher falsch verstandenen Augenzeugenberichten durchforsten. Aufgabe der Linguisten wäre es, die Sprache der gefundenen Aussagen zu analysieren und etwa mit den heutigen Entführungsfällen zu vergleichen. Aus einem möglichst vollständigen Katalog aller verifizierbaren Ufo-Berichte der letzten 50 Jahre könnten Mathematiker mit den Mitteln der Statistik untersuchen, ob es signifikante Zusammenhänge zwischen Ort, Zeit, den verschiedenen beobachteten Objekten und dem Hintergrund der Zeugen gibt. Und schließlich könnten Philosophen ihre überkommenen Vorstellungen von den Beziehungen zwischen Mensch und Welt anhand der neuen Erkenntnisse überdenken. Die „Mutter aller Wissenschaften“, die Philosophie, würde von den Auswirkungen einer solchen konzertierten Aktion sicher nicht unberührt bleiben.


Die Natur des Phänomens macht diese gemeinsame Anstrengung der Wissenschaften notwendig. Eine eingeengte Perspektive wird den Anforderungen nicht gerecht. Äußerst komplex, facettenreich und schwer zu fassen wie sie nun mal ist, fordert die Geschichte der Ufos das ganze wissenschaftliche Spektrum geradezu heraus. Schnelle Antworten gibt es nicht, aber die Mühe, die die Erforschung der Ufos abverlangt, wird endlich mit echten Erkenntnissen belohnt.


Fallstudien, Kataloge, die Ergebnisse unterschiedlicher Ausschüsse, Gutachten und Statistiken zum Ufo-Phänomen gibt es ja bereits heute. Leider befinden sich bemerkenswerte Dokumente oft in den Händen von interessierten Privatpersonen und den vereinzelten Gesellschaften, die sich der Erforschung des Phänomens widmen. Weiteres Material schlummert mehr oder weniger frei zugänglich in den Archiven der Regierungen sowie militärischen und geheimdienstlichen Organisationen. Was fehlt, ist jedoch eine interdisziplinäre und möglichst internationale Institution, die all das in offiziellem Auftrag systematisch erfasst, durchleuchtet und auswertet. Im Laufe der Jahre entwickelten mehrere Forschergruppen Schemata, mit denen sich Ufo-Ereignisse anhand ihrer Merkmale erfassen und einordnen lassen. Bekanntestes Modell ist hier wohl das von dem Astrophysiker J. Allen Hynek vorgestellte Raster, das Sichtungen in sechs bzw. sieben Klassen einteilt.[x] Doch konnte sich auch diese Idee bislang nicht vollständig durchsetzen.


Erfassung und Vergleich aller verfügbaren Daten ist deshalb so wichtig, weil sich dieser Weg als der einzig erfolgversprechende erweisen könnte. Mit lückenhafter Kenntnis der Fakten und dem Spezialwissen einer einzigen wissenschaftlichen Disziplin, das nicht über den eigenen Tellerrand hinausgeht, ist es offenbar nicht möglich, zu verlässlichen Schlussfolgerungen zu gelangen. Während sich das Ufo-Phänomen jeder raschen Bewertung und Beweisführung entzieht, gibt es mehr als genug Indizien dafür, dass Ufos in irgendeiner Form real sind und sich hinter ihnen eine festere Substanz und tiefere Wirklichkeit verbirgt als nur Lügen, nur Falschinformationen und nur Verwechslungen. Denn – um noch einmal mit Carl Gustav Jung zu sprechen – es ist offensichtlich, dass etwas geschieht, aber es ist schwer zu sagen, was oder warum es geschieht.


Vielleicht rückt die so scharf umstrittene und scheinbar ewige Frage nach Realität und Herkunft der Ufos eines Tages in den Hintergrund. Durch den Vergleich aller verfügbaren Informationen und Fakten gelänge es dann vielleicht, einen Blick auf das Netz von Beziehungen zu werfen, das ich in Anlehnung an Keith Thompson die Metastruktur des Phänomens nenne, die augenscheinlich hinter dem Ufo-Phänomen steht.


Diese Metastruktur zeigt sich nicht nur in der oben veranschaulichten historischen Dimension des Ufo-Phänomens. Auch die Tatsache, dass mit Jung, von Däniken und Fiebag drei völlig unterschiedliche Forscher mit ihren verschiedenen Ansätzen auf diese historische Dimension schließen konnten, ist in die Metastruktur einbezogen. Ich finde besonders bemerkenswert, dass Jung aufgrund seiner Erfahrungen als Psychologe und Kenner alter Kulturen die modernen Ufos bereits mit den antiken Gottheiten in Verbindung bringt, welche von Däniken seinerseits als technisch überlegene Aliens, als prähistorische Ufonauten identifiziert. Das Ufo-Phänomen ist ein Reizthema für die etablierten Wissenschaften, weil es nicht nur die Astrophysik, Psychologie oder Geschichtswissenschaften fordert und in Frage stellt, sondern ein ganzes Bündel weiterer einschlägiger Fachbereiche. Wenn die Wissenschaftler diese Aufgabe annehmen, erhalten sie jedoch alle die Chance, ihren Beitrag zur Lösung des Rätsels zu leisten. Unhaltbar ist – aufgrund der erdrückenden Fülle von Fakten und Indizien – lediglich die Behauptung, in Sachen „Ufo“ bestehe kein Forschungsbedarf!


Die Frage, wer oder was sich hinter dem Ufo-Phänomen verbirgt kann nicht am Anfang, sondern nur am Ende der gewissenhaften Auseinandersetzung und Forschung stehen. Wohin der Weg geht, kann niemand mit Sicherheit sagen, doch es gibt keinen Grund, den ersten Schritt nicht zu wagen.








[i] Keith Thompson: Engel und andere Außerirdische, München 1996



[ii] Vgl. Timothy Good: Jenseits von Top Secret, Frankfurt am Main 1993



[iii] Zu Typologie und physikalischen Wechselwirkungen von Ufos mit ihrer Umgebung siehe Illobrand von Ludwiger: Der Stand der UFO-Forschung, Frankfurt am Main 1994



[iv] Wiederveröffentlicht in C.G. Jung: Geheimnisvolles am Horizont. Von Ufos und ähnlichen Phänomenen, Olten 1992



[v] Offenbarungen, Gotteserscheinungen



[vi] Johannes Fiebag: Das Entführungsphänomen im deutschsprachigen Raum, in: Johannes Fiebag (Hrsg.): Das UFO-Syndrom, München 1996



[vii] Jacques Vallee: Dimensionen, Frankfurt am Main 1994



[viii] Erich von Däniken: Erinnerungen an die Zukunft, Düsseldorf und Wien 1968



[ix] John E. Mack: Entführt von Außerirdischen, München 1997



[x] Die siebte Klasse wurde hinzugefügt, um die seit den 60er Jahren immer häufiger berichteten Entführungsfälle einzuordnen.

31.7.04 11:20


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Erich von Däniken – „Mythen sind Reportagen“


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„(...) Flugs wird Erich von Däniken auch noch mit idiotischen Rassisten in Verbindung gebracht, als ob ich die Idee des himmlischen Samens und der Auserwählten erfunden hätte. Diese ganze Gedankenwelt ist nicht auf meinem Mist gewachsen – sie stammt in schnurgerader Linie aus exakt den Büchern, die für viele Völker heilig sind.“ –


 


Erich von Däniken, Der Jüngste Tag hat längst begonnen[1]


 


 


 


„Der amerikanische Archäologe W. Rathje nimmt mich bös an. Er meint, „die Abqualifizierung der Maya-Leistungen“ durch Herrn von Däniken und „sein eindeutiges Bekenntnis zum überragenden, geistigen und technischen Können der Herrenmenschen aus dem All ist eine neue Form des Rassismus – Weltraumrassismus.“ – Im gleichen Ton wäre zu sagen, dass es sich hier um einen perfiden faschistoiden Angriff handelt.“ –


 


Erich von Däniken, Der Tag, an dem die Götter kamen[2]


 


 


 


Was ist nun dran an dem Vorwurf, ein Erich von Däniken betreibe „Weltraumrassismus“? Von Däniken muss sich in der Tat einige Vorwürfe gefallen lassen, doch – bei etwas eingehenderer Betrachtung zeigt sich, dass man dem Schweizer vom Standpunkt der etablierten Wissenschaften nichts politisch Fragwürdiges, möglicherweise aber ein Fehlverhalten in der Wahl seiner Methoden vorhalten kann. In seinem Erstling „Erinnerungen an die Zukunft“ rief er schon 1968 alle etablierten Wissenschaften dazu auf, ihre Erkenntnisse und Fähigkeiten in einen Topf zu werfen, um in einer gemeinsamen, interdisziplinären Anstrengung gezielt nach außerirdischer Präsenz oder Einflussnahme zu forschen. Seitdem versucht von Däniken, die Theorie von den außerirdischen Menschenschöpfern und Kulturbringern an den Universitäten zu verankern. Erfolgreich war er mit diesen Bemühungen insofern, als weltweit zahlreiche Laien, aber auch respektable Wissenschaftler durch die Däniken-Lektüre von der Begeisterung für die Idee der vorgeschichtlichen Astronauten-Götter infiziert wurden. In privaten Vereinigungen wie der A.A.S. (Ancient Astronaut Society)[3] schlossen sich die Hobbyforscher zu nationalen und übernationalen Netzwerken oder lokalen Interessengruppen zusammen; die Mitglieder diskutieren und spekulieren hier in ihrer Freizeit über das sie verbindende Thema. Aber davon abgesehen zeigt sich die enorme Popularität der Thesen der Prä-Astronautik immer wieder in den hohen Einschaltquoten, die Fernsehsendungen mit oder wenigstens über Erich von Däniken und seine Theorie erreichen, auch wenn der Terminus „Prä-Astronautik“ selbst nur Insidern bekannt sein dürfte. Geht es nach den Vordenkern der Prä-Astronautik, dann steht das durch Erich von Däniken so weit verbreitete Gedankengut eigentlich dauernd kurz vor dem Sprung in den Kanon der etablierten Wissenschaften. „Die große Erich von Däniken Enzyklopädie“[4] charakterisiert diese junge Denkrichtung so:


 


„Unterschiedlichste Fragen und Phänomene in der Vergangenheit unserer Erde sind lösbar, zieht man die Möglichkeit mehrerer Landungen humanoider kosmischer Besucher in Betracht. Die Prä-Astronautik schuf mit dieser Theorie einen gemeinsamen Nenner, der sich vom Diskussionsbeitrag zur Randwissenschaft entwickelte.


Die Theorie stützt sich


1.      auf Überlieferungen mythologischer als auch historisch abgesicherter Art;


2.      auf archäologische Funde und Phänomene;


3.      auf evolutionäre und kulturelle Charakteristiken des Menschen und ebenso seiner biologischen Umwelt.


Diese könnten durch das direkte Eingreifen der Außerirdischen entstanden sein.“


 


Hauptsächlich arbeitet Erich von Däniken – ebenso wie die meisten der durch ihn inspirierten Forscher und Autoren – mit alten und ältesten Überlieferungen. Also Chroniken, Mythen und heiligen Texten. Als präastronautischer Leckerbissen kann demnach folgende Passage aus dem Alten Testament[5] gelten, die eine Szene aus der vierzigjährigen Wanderschaft des Volkes Israel wiedergibt. Die Handlung geht der Verkündung der Zehn Gebote unmittelbar voraus (2. Mose 19):


 


„9. Und der HERR sprach zu Mose: Siehe, ich will zu Dir kommen in einer dicken Wolke, auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit Dir rede, und glaube Dir ewiglich. Und Mose verkündigte dem HERRN die Rede des Volks.


10. Und der HERR sprach zu Mose: Gehe hin zum Volk, und heilige sie heute und morgen, dass sie ihre Kleider waschen.


11. Und bereit seien auf den dritten Tag; denn am dritten Tage wird der HERR vor allem Volk herabfahren auf den Berg Sinai.


12. Und mache dem Volk ein Gehege umher, und sprich zu ihnen: Hütet euch, dass ihr nicht auf den Berg steiget, noch sein Ende anrühret; denn wer den Berg anrühret, soll des Todes sterben.


13. Keine Hand soll ihn anrühren, sondern er soll gesteinigt, oder mit Geschoss erschossen werden; es sei ein Tier oder Mensch, so soll er nicht leben. Wenn es aber lange tönen wird, dann sollen sie an den Berg gehen.


14. Mose stieg vom Berge zum Volk, und heiligte sie, und sie wuschen ihre Kleider.


15. Und er sprach zu ihnen: Seid bereit auf den dritten Tag, und keiner nahe sich zum Weibe.


16. Als nun der dritte Tag kam, und Morgen war, da hub sich ein Donnern und Blitzen und eine dicke Wolke auf dem Berge und ein Ton einer sehr starken Posaune; das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak.


17. Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und sie traten unten an den Berg.


18. Der ganze Berg Sinai aber rauchte, darum dass der HERR herab auf den Berg fuhr mit Feuer; und sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg sehr bebete.


19. Und der Posaune Ton ward immer stärker. Mose redete, und Gott antwortete ihm laut.


20. Als nun der HERR herniedergekommen war auf den Berg Sinai, oben auf seine Spitze, forderte er Mose oben auf die Spitze des Bergs, und Mose stieg hinauf.


21. Da sprach der HERR zu ihm: Steig hinab, und bezeuge dem Volk, dass sie nicht durchbrechen zum HERRN, ihn zu sehen, und viele aus ihnen fallen.


22. Dazu die Priester, die zum HERRN nahen, sollen sich heiligen, dass sie der HERR nicht zerschmettere.


23. Mose aber sprach zum HERRN: Das Volk kann nicht auf den Berg Sinai steigen; denn Du hast uns bezeuget und gesagt: Mache ein Gehege um den Berg, und heilige ihn.


24. Und der HERR sprach zu ihm: Gehe hin, steige hinab! Du und Aaron mit dir sollt heraufsteigen; aber die Priester und das Volk sollen nicht durchbrechen, dass sie hinaufsteigen zu dem HERRN, dass er sie nicht zerschmettere.


25. Und Mose ging hinunter zum Volk, und sagte es ihnen.“


 


Wenden wir nun die oben angeführten drei Kriterien der Prä-Astronautik auf diese Bibelpassage an, dann eröffnet sich ein ganz und gar fantastisches Spektrum der Interpretationen. Mit den Augen eines Erich von Däniken betrachtet, gewinnt der Ausschnitt und die beschriebene Szenerie eine schlichtweg entwaffnende Plausibilität. Unter der Voraussetzung, dass der „HERR“ mit AUSSERIRDISCHEN RAUMFAHRERN gleichgesetzt wird, wandelt sich die Passage von der religiösen Epiphanie zur detaillierten Schilderung der aufwendigen Vorbereitungen auf die Landung eines Luft- oder Raumfahrzeugs sowie dessen wirklicher Ankunft.


Mose fungiert dabei als Kontaktperson der Außerirdischen. Seine Vertrautheit mit den technisch fortgeschrittenen Fremden, seine Mittlerrolle zwischen der Masse des Volkes und den Aliens macht ihn sogar zum Ersten „seines Stammes“. In 9 hält sich Mose wieder einmal auf dem Gipfel des Berges Sinai auf, um dem Kommandanten der außerirdischen Expedition zur Erde Rapport zu erstatten. Der teilt seinem „Auserwählten“ bei dieser Gelegenheit mit, dass er eine großangelegte Demonstration der technischen Fähigkeiten seiner Mannschaft und seines Schiffs plant, und dies ausdrücklich zu dem Zweck, um sich noch mehr Respekt unter den Israeliten zu verschaffen und seinem Günstling Mose den Rücken zu stärken: „... auf dass dies Volk es höre, wenn ich mit Dir rede, und glaube Dir ewiglich.“ Denn auf die Angehörigen eines bronzezeitlichen Stamms muss das technische Know-how einer raumfahrttreibenden Zivilisation völlig unbegreiflich und furchteinflößend, ja magisch  wirken. Schließlich sind die Panikreaktionen von unzivilisierten Eingeborenen, die unverhofft mit der technisch hochgerüsteten Welt des 20. Jahrhunderts in Berührung kamen, in den letzten Jahrzehnten immer wieder berichtet worden.


10 bis 15 beschreibt einen „Countdown“ von drei Tagen, der den Israeliten bis zur angekündigten Landung auf dem Berg gesetzt wird, und die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die das Volk innerhalb dieses Zeitrahmens auf Geheiß des Kommandanten zu schaffen hat. Ein Zaun wird um den Berg herum errichtet. Er soll die Einhaltung des Sicherheitsabstands gewährleisten und das Publikum auf Distanz halten. Denn bei dem vorangekündigten Ereignis werden offenbar zerstörerische Kräfte freigesetzt, die auf Mensch und Tier tödlich wirken können, wie der Kommandant eindringlich warnt. Anscheinend ist diese Gefahr zumindest in der ersten Phase der Erscheinung akut.


Zu dem Maßnahmenkatalog gehört auch der Vorgang des Kleiderwaschens bzw. des „Heiligens“. Dieser Begriff taucht nach der Landung in 21/22 noch einmal auf. Der „HERR“ hält Mose noch einmal nachdrücklich dazu an, die Gaffer auf Distanz zu halten, damit sie nicht die Absperrungen überwinden, denn von der Maschine auf dem Berg geht immer noch eine latente Gefahr aus: „... dass sie nicht durchbrechen zum HERRN, um ihn zu sehen, und viele aus ihnen fallen.“ Allerdings gibt es ein Bodenpersonal, das beschränkte Zutrittsbefugnis genießt: Die Priester. Voraussetzung für eine gefahrlose Annäherung der Priester ist, dass sie „sich heiligen, dass sie der HERR nicht zerschmettere.“ Ist mit dem sich „heiligen“ das Anlegen einer besonderen Schutzkleidung gemeint, welche die Priesterschaft vor gesundheitsschädlichen Strahlen, Gasen oder Hitze im Bereich des gelandeten Raumschiffs schützt? Oder lassen die Außerirdischen ihre menschlichen Gehilfen sich in sterile Overalls verpacken, um sich selbst vor den gefährlichen Viren und Bakterien zu schützen, die in der irdischen Fauna endemisch sind?


Die Verse 16 – 19 geben den beeindruckenden Landevorgang des Raumschiffes auf dem Gipfel des Bergs Sinai wieder, sowie die – durchaus beabsichtigte - Reaktion des Volkes auf die beispiellose Szenerie, nämlich Furcht. Unter Donner und Blitz (Feuer), gehüllt in eine dichte Wolke aufsteigenden Rauchs senkt sich das Schiff nieder. Das Heulen der Triebwerke wird mangels besserer Worte mit dem Ton einer „sehr starken Posaune“ verglichen. Die ganze Umgebung bebt durch den gewaltigen Rückstoss der feuerspeienden Manövrierdüsen. Nach dem Aufsetzen führt Mose die eingeschüchterte Menge bis an die Grenze des abgesperrten Bereichs. Gleich bestellt der Kommandant des Raumschiffs Mose zum wiederholten Mal zu sich auf den Berg.


Oben angekommen, erneuert der Kommandant - wie bereits erwähnt – seine Bedenken, dass ihm ein paar namenslose Naseweise aus dem Volk zu nahe kommen könnten, die den Wunsch verspüren, ihren Obergott einmal persönlich kennenzulernen und die damit Leben und Gesundheit, wohl aber auch das Eindruck schindende Inkognito des Anführers aufs Spiel setzen. Denn dass es sich bei dem „HERRN“ nicht um ein allwissendes, allmächtiges und ewiges Wesen, sondern wohl eher um einen Sterblichen mit beschränkten Kenntnissen der Vorgänge in seiner Umgebung handelt, geht schon allein aus seinem Dialog mit Mose hervor. Dieser muss den „HERRN“ nämlich auch noch beschwichtigen und seine Sorge zerstreuen, dass sich das Volk Israel nicht an die ihm diktierten Spielregeln halten könnte. Dann wird Mose zurück zu seinen Leuten geschickt, um den Aaron, seinen Bruder, zur Spitze des Berges zu bringen, nicht ohne Mose vorher zum dritten Mal einzuschärfen, dass niemand sonst den Berg, geschweige denn seinen Gipfel, betreten dürfe.


Die ganze im Sinne der Prä-Astronautik wiedergegebene Handlung spielt sich unmittelbar vor einem der zentralen Ereignisse im Alten Testament ab, nämlich der Offenbarung der Zehn Gebote durch den „HERRN“ (2. Mose 20). Dies geschieht zunächst nur mündlich durch den „HERRN“ und von seinem Aufenthaltsort auf dem Berggipfel herab. Die Worte der obersten Gottheit sind an alle Angehörigen des Volkes Israel gerichtet – ganz wie bei einer Massenkundgebung. Mit der Erfahrung, dass ihr „Gott“ nun plötzlich auch noch zu jedem Einzelnen persönlich spricht, steigert sich die Verunsicherung und Erregung der Israeliten noch. Die Erschütterung ist so groß, dass die Menschen auf ähnliche Erlebnisse in Zukunft lieber verzichten würden. Einmütig versichern sie deshalb dem Mose, die Treffen mit „Gott“ ihm allein zu überlassen.  Wenigstens zu diesem Zeitpunkt bedeutet dies die freiwillige Unterordnung unter den göttlichen Willen und seines irdischen Repräsentanten und Mittlers Mose. Und gerade das war ja der Zweck der gesamten Vorstellung. So weit die prä-astronautische Analyse.


Nun sind die drei Kriterien des prä-astronautischen Denkansatzes (s.o.) darauf anzuwenden. 1.) Natürlich handelt es sich auch bei den Texten des Alten Testaments im weitesten Sinne um Überlieferungen mythologischer Art. Sie stützen sich zum Teil auf Gedankengut, das eine mehrtausendjährige Tradierung erfahren hat. An vielen Stellen mag im Laufe der Zeit bei Abschriften und Korrekturen das ein oder andere hinzugefügt, weggelassen oder verfremdet worden sein. Aber auch wenn es sich bei dem zitierten Text um einen verhältnismäßig jungen Einschub handelte, stellte sich dem Prä-Astronautiker dem zum Trotz die Frage, wie eine Passage, die bei modernen Lesern starke Assoziationen mit einem Raketenstart bzw. einer Raketenlandung wecken mag, in einen heiligen mythischen Text gelangt.


2.) Handelt es sich bei dem zitierten Bibeltext um einen Tatsachenbericht, und ein Raumschiff ist auf dem Berg gelandet, dann ist freilich auch nicht auszuschließen, dass Geologen und Archäologen noch in unseren Tagen Anhaltspunkte für dieses spektakuläre Ereignis finden könnten – im Gipfelbereich eines Berges vorzugsweise der Sinai-Halbinsel. Dass sich dort oben tatsächlich etwas reales ereignet hat, wird im Alten Testament[6] noch mehrfach bestätigt. Zu allem Überfluss beschreibt 2. Mose 33, Vers 21-23 auch noch den Start des merkwürdigen Objekts und wie Mose ihn in einem natürlichen Schutzbunker unversehrt übersteht: „21. Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir; da sollst Du [Mose] auf dem Fels stehen. 22. Wenn denn nun meine Herrlichkeit vorübergehet, will ich Dich in der Felskluft lassen stehen, und meine Hand soll ob Dir halten, bis ich vorübergehe. 23. Und wenn ich meine Hand von Dir tue, wirst Du mir hintennach sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“


3.) Hält man sich an die prä-astronautische Lesart, dann liegt es auf der Hand, dass das Ereignis auch in den „kulturellen Charakteristiken des Menschen“ seinen Niederschlag gefunden haben könnte. Nämlich dann, wenn sich die Umstände der spektakulären Erfahrung tief in das „kulturelle Gedächtnis“ des Volkes eingegraben haben sollten und ihrerseits in rituellen Handlungen und religiösen Tabus tradiert worden sind. Im konkreten Beispiel könnte das bedeuten, dass religiöse Waschungen und besondere Priesterkleidung, wie sie heute noch Bestandteil des Ritus im Juden- und Christentum sind, habitualisierte Erinnerungen an die strengen, aber notwendigen Reinigungsprozeduren und obligatorischen Schutzanzüge sind, die im sicheren Umgang mit den Abfallprodukten einer technischen Hochzivilisation einstmals unerlässlich waren. Analog dazu könnte das religiöse Tabu als Überbleibsel eines konkreten Verbots gedeutet werden, das im vorliegenden Beispiel zum Schutz vor real existierenden Gefahren ausgesprochen wurde. Obwohl die Bedrohung längst nicht mehr existiert, hat sich im kulturellen Bewusstsein der Gläubigen die Angst vor dem Tabubruch und den damit verbundenen Konsequenzen wie Bestrafung oder körperlicher Versehrtheit erhalten.


In diesem Zusammenhang ist ein anderes kulturelles Charakteristikum besonders heikel, nämlich die Zehn Gebote. Man stelle sich vor: Die Ur-Gesetze, die Anleitung zum halbwegs friedlichen Zusammenleben in einer menschlichen Gesellschaft (Du sollst nicht stehlen, Du sollst nicht töten...), von deren Geist die westliche Zivilisation noch heute spürbar durchdrungen ist, gehen weder auf die Offenbarung eines göttlichen Willens und damit auf eine höhere, letzte und nicht mehr hinterfragbare Instanz zurück, noch entsprangen sie dem Geistesblitz eines aus Erfahrung klug gewordenen Ältestenrats oder eines ähnlichen Gremiums. Grundlegende kulturelle, zivilisatorische Werte wurden der Menschheit vor paartausend Jahren praktisch aufoktroyiert. Und das von Wesen aus Fleisch und Blut, die abgesehen von ihrem überragenden technischen Können um keinen Deut erhabener waren als die damalige junge Menschheit. Waren der HERR und seine Mitarbeiter Sterbliche, dann spricht aus der Überlieferung sogar ein guter Teil Eitelkeit, Eifersucht und Skrupellosigkeit. Hat die Prä-Astronautik recht, müssen einige der wichtigsten Kapitel der abendländischen Geistesgeschichte neu geschrieben werden.


Vorläufiges Fazit ist also, dass sich Erich von Däniken mit seiner gewagten Theorie sehr weit aus dem Fenster lehnt. Eine gängige Auslegung der Ereignisse am Berg Sinai behauptet nämlich, dass die Autoren des Alten Testaments hier ganz einfach einen Vulkanausbruch verarbeitet haben. Die Elemente Feuer, Rauch und Donner passen ja in dieses Schema. Außerdem waren auch die genauen geophysikalischen Ursachen eines solchen Naturschauspiels den alten Israeliten sicher unbekannt. Von Däniken würde hier aber einwenden: Naturereignisse geben keine exakten Instruktionen, stellen nicht Verbote und Zeitpläne auf. Sie vermitteln auch kein Wissen, und sie formulieren schon gar keine Ansprüche an die Augenzeugen. All das deutet eher auf das zielstrebige Handeln irgendeiner Intelligenz hin.


Als weiteres Indiz für vorgeschichtliche Raumfahrer wird gerne ein von den brasilianischen Kayapo-Indianern überlieferter Mythos[7] herangezogen. Von Däniken hat diese Erzählung bereits in mehreren seiner Bücher zitiert:


 


„Die Legende von Kayapo, die [der Völkerkundler] Joao Americo Peret übermittelt, bedarf ebenso wenig einer Erläuterung. Peret hörte sie im Dorf Gorotire am Ufer des Fresco vom Indianer Kuben-Kran-Kein, dem alten Ratgeber des Stammes, der den Titel Gway-Baba, der Weise, trägt. Und dies ist die Legende, die der Weise erzählt:


 


„(...) Eines Tages ist Bep Kororoti (...) zum ersten Mal ins Dorf gekommen. Er war mit einem Bo, der ihn vom Kopf bis zu den Füssen bedeckte, gekleidet. In der Hand trug er ein Kop, eine Donnerwaffe. Alle aus dem Dorf flüchteten vor Angst in den Busch (...) Um ihnen [den Kriegern des Stammes] seine Kraft zu beweisen, hob er seinen Kop, deutete auf einen Baum oder Stein und vernichtete beide. (...)


Die mutigsten Krieger des Stammes konnten sich zuletzt nur mit der Gegenwart von Bep-Kororoti abfinden, denn er belästigte sie nicht und niemanden. (...) Alle bekamen ein Gefühl von Sicherheit, und so wurden sie Freunde. (...) Es dauerte nicht mehr lange, da wurde Bep-Kororoti als Krieger in den Stamm aufgenommen, und dann suchte ihn ein junges Mädchen als Gemahl aus und heiratete ihn. Sie bekamen Söhne und eine Tochter, die sie Nio-Pouti nannten.


Bep-Kororoti war klüger als alle, und darum begann er, die anderen mit unbekannten Sachen zu unterrichten. Er leitete die Männer zum Bau eines Ng-Obi an, dieses Männerhaus, das heute alle unsere Dörfer haben. (...) Das Haus war in Wahrheit eine Schule, und Bep-Kororoti war ihr Lehrer.


(...) ... nichts wurde, was wir nicht dem großen Krieger aus dem All verdankten. Er war es, der die „große Kammer“ gründete, in der wir die Sorgen und Nöte unseres Stammes besprachen, und so kam eine bessere Organisation zustande, die für alle Arbeit und Leben erleichterte. (...)


Wenn die Jagd schwierig war, holte Bep-Kororoti sein Kop und tötete die Tiere, ohne sie zu verletzen. (...) Bep-Kororoti, der nicht die Nahrung des Dorfes aß, nahm nur das Nötigste für die Ernährung seiner Familie. (...)


Eines Tages aber folgte er dem Willen seines Geistes, den er nicht mehr bezwingen konnte, er verließ das Dorf. (...) Sein Aufbruch erfolgte in Eile. Die Tage vergingen, und Bep-Kororoti war nicht zu finden. Plötzlich aber erschien er wieder auf dem Dorfplatz, und er machte ein fürchterliches Kriegsgeschrei. (...) Aber als Männer sich ihm nähern wollten, kam es zu einem fürchterlichen Kampf. Bep-Kororoti benutzte seine Waffe nicht, aber sein Körper zitterte und wer ihn berührte, fiel [wie] tot zu Boden. (...)


Sie verfolgten ihn bis auf die Kämme des Gebirges. Da geschah etwas Ungeheueres (...). Mit seinem Kop vernichtete er alles, was in seiner Nähe war. Bis er auf dem Gipfel der Gebirgskette war, waren Bäume und Sträucher zu Staub geworden. Dann aber gab es plötzlich einen gewaltigen Krach, der die ganze Region erschütterte, und Bep-Kororoti verschwand in der Luft, umkreist von flammenden Wolken, Rauch und Donner. Durch dieses Ereignis, das die Erde erschütterte, wurden die Wurzeln der Büsche aus dem Boden gerissen und die Wildfrüchte vernichtet, das Wild verschwand, so dass der Stamm anfing, Hunger zu leiden. (...)“


 


Übrigens lebt die Erinnerung an Bep-Kororotis Astronautendress, der ihn „vom Kopf bis zu den Füssen bedeckte“,  im Ritus der Kayapo weiter. Zu feierlichen Anlässen zwängen sich Tänzer in rundum geschlossene Anzüge aus Schilfgras.


Erich von Däniken ist kein Exeget, sondern ein Sagensammler und Geschichtenerzähler. Sein Werk steht den Arbeiten von Sergius Golowin und Johann Karl August Musäus wesentlich näher als der etablierten Völkerkunde oder Anthropologie. Mag sein Anspruch auf eine kopernikanische Wende im Denkgebäude der Wissenschaften auch vermessen wirken, mag er damit auch scheitern: Es ist nicht abzustreiten, dass von Däniken ein Mann von Bedeutung ist, ein großes „Kaliber“, einer, der etwas bewegt hat. Für die Richtigkeit seiner Theorie gibt es keinen wirklichen, überzeugenden Beweis. Vom Standpunkt der Wissenschaften aus ist seine Argumentation nicht stichhaltig. Aber was ist dann das Geheimnis seines Erfolgs und der Schlüssel zu der Ausstrahlung seiner Bücher? Um diese Frage beantworten zu können, ist es notwendig, von Dänikens Werk seiner typischen Ausschmückungen – der Schelte der Wissenschaften, der wilden Spekulation, selbst der Außerirdischen – zu entkleiden. Was dann übrig bleibt, ist ein kleinster gemeinsamer Nenner, der in allen 25 Büchern mit ihren Aberhunderten von Zitaten aus längst vergessenen Mythen zu finden ist.


Letzten Endes ist es unerheblich, ob man von Göttern, Außerirdischen oder Halluzinationen oder Eingebungen aus dem kollektiven Unterbewusstsein spricht, welche den Altvorderen den Stoff für ihre Geschichten lieferten. Der Kern bleibt immer derselbe. Es handelt sich um die Begegnung mit dem oder den Anderen, dem Gegenüberliegenden, dem Unsichtbaren. In den Mythen der Menschheit erweist sich diese Thematik als eine der stärksten tragenden Säulen. Adjektive wie außerirdisch, außerweltlich, übersinnlich, transzendent, metaphysisch und paranormal sind die untereinander durchaus austauschbaren Umschreibungen für den roten Faden, der sich durch die großen Überlieferungen aller Stämme und Völker zieht. Und dieser Universalismus macht aus den alten Weisen ein ganz besonderes Garn.


In heiligen und weniger heiligen Texten aus vergangenen Zeiten wird uns die mit unerschütterlicher Gewissheit formulierte Antwort auf eine Frage präsentiert, die sich der Mensch noch immer oder jetzt wieder stellt. Sie schwingt zum Beispiel in den endlosen Debatten um UFOs mit und in dem Enthusiasmus, mit dem Astronomen die Tiefen des Alls erforschen, zum Teil speziell auf der Suche nach Leben außerhalb der Erde. Die Frage lautet „Sind wir allein?“ Im Schatz unserer Sagen und Volksweisheiten steht klipp und klar: „Wir sind nicht allein, und wir sind es nie gewesen.“


Im Rückgriff auf die oben zitierten drei Grundsätze der prä-astronautischen Theorie lässt sich die eigenartige Anziehungskraft dieser Gedankenwelt noch besser verdeutlichen. Aus den Mythen geht nämlich in Übereinstimmung mit den genannten Prämissen hervor, dass die „Anderen“ uns näher sind als uns bewusst ist, und das obwohl sie unserem Auge die längste Zeit über verborgen sind. Denn in erster Linie sind die Anhaltspunkte auf der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz ja nicht im Fernsten zu finden, sondern in unserer unmittelbaren Umgebung und in uns selbst. Nicht im Makroskopischen, in fremden Planetensystemen und der unvorstellbaren Weite des Alls haben „die Anderen“ ihre Fingerabdrücke hinterlassen, sondern gerade im Kleinsten und Alltäglichsten. Genau so steht es nämlich in den o.g. Richtlinien, die das prä-astronautische Raster abstecken und es über die archetypische, halb vergessene Vorstellungswelt der Menschheit legen, um sie wieder begreiflich zu machen. Demnach liegt die Antwort auf die bohrende Frage, ob wir „allein im Universum“ sind, nicht jenseits von Neptun und Pluto, sondern in unseren Genen, denn „Wir alle sind Kinder der Götter“ (Buchtitel). Schließlich legen die alten Sagen hundertfach Zeugnis ab über Mischehen zwischen Göttern oder Halbgöttern und Menschen, ganz zu schweigen von dem Nachwuchs, der mit himmlischem Samen gezeugt wurde. Stichwort „Bep-Kororoti“. Indizien liegen nicht auf einem kalten Felsbrocken im Asteroidengürtel, sondern haufenweise direkt vor der Haustür. Die Architektur unserer Sakralbauten und – beispielsweise - die strengen Riten der Religionen legen Zeugnis ab. Stichwort „Mose und der HERR“.


Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es kein Zufall, dass Erich von Däniken gerade 1968 mit „Erinnerungen an die Zukunft“ den Durchbruch schaffte und weltweit Millionenauflagen erzielte. Auf der ganzen Welt schlossen sich zu dieser Zeit zahllose Menschen den Hippie- und Flower-Power-Bewegungen an, mit dem Wunsch, die scheinbar ehernen und unverrückbaren Grundlagen der Kulturen zu hinterfragen und ein individuelles Verständnis für sie zu erlangen. Außerdem stand der Mensch kurz davor, mit dem Mond erstmals einen anderen Himmelskörper zu betreten; ein Ereignis von welthistorischer Bedeutung, das dann Abermillionen von Menschen mit großer Anteilnahme live an ihren Fernsehgeräten verfolgten. 1969 setzte Stanley Kubrick mit seinem bahnbrechenden Film „2001 – A Space Odyssey“ Maßstäbe für das Science-Fiction-Genre. Themen des Films: das Geheimnis der Menschwerdung und des Bewusstseins. Die Zeit war reif für die alten Geschichten, die von Däniken zu erzählen wusste; sie war es wieder einmal.


Selbstredend nimmt von Däniken keine Analysen mit den strengen Methoden der Wissenschaft vor. Aber stattdessen hat er mit seinen Büchern für unzählige Menschen eine Brücke gebaut, die ihnen die Verbindung zum Sagenschatz der Altvorderen ermöglichte. Gerade deshalb hat man Erich von Däniken oft vorgeworfen, er betreibe die Remythologisierung der Geschichte und schüfe eine materialistische Ersatzreligion um außerirdische Raumfahrer. Von Däniken wehrt sich: „Meine Theorie taugt nicht zum Religionsersatz.“ Weshalb ist das so? Um dies einzusehen, muss man einen Blick auf die Kette von Vorgängern werfen, die lange vor ihm die gleichen Geschichten tradierten, die auch er heute erzählt. Denn bereits in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts machte ein Franzose unter dem Pseudonym Robert Charroux die Theorie der altertümlichen Raumfahrer publik. Auch er bezieht sich auf die alten Überlieferungen: babylonische, phönizische, ägyptische, indische, alt-amerikanische, biblische usw. Der Unterschied zwischen seinem Werk und dem von Dänikens liegt nicht nur darin, dass sein kommerzieller Erfolg deutlich bescheidener ausfiel und sein Bekanntheitsgrad wesentlich unter dem des Schweizers liegt. Vor allem ist Charroux´ Büchern immer ein guter Schuss Magie, Esoterik und Okkultismus sowie wilder philosophischer Spekulation beigemengt. Bei von Däniken sind davon höchstens Spurenelemente zu finden.


Bei den noch früheren Vorläufern wie Rudolf Steiner (* 1861, + 1925), dem Vater der Anthroposophie[8], ist man fast schon wieder in der Welt der Götter, Übermenschen und Riesen. Aus den damaligen Zeitumständen und den verfügbaren technischen Möglichkeiten heraus konnte man das Unbegreifliche auch nicht bei seinem „wahren“ Namen nennen. Damals konnten die Menschen noch nicht einmal von den Perspektiven der Raumfahrt oder einer Landung auf dem Mond träumen. Aufschluss über den großen Unterschied zwischen Steiners und von Dänikens Interpretation gibt noch einmal „Die große Erich von Däniken Enzyklopädie“[9].


 


„In seiner Schrift „Unsere atlantischen Vorfahren“, Dornach 1934, gibt der Anthroposoph Steiner Hinweise auf den versunkenen Kontinent Atlantis. (...) „...So wurden die in geringer Höhe über dem Boden schwebenden Fahrzeuge der Atlanter fortbewegt. Diese Fahrzeuge fuhren in einer Höhe, die geringer war als die Höhe der Gebirge der atlantischen Zeit, und sie hatten Steuervorrichtungen, durch die sie sich über diese Gebirge erheben konnten.“ (...) Seiner Ansicht nach wurden die Atlanter auch von Göttern, höheren Wesenheiten, wie er es nennt, unterrichtet.“ (Kursivsetzungen durch Autor)


 


Die Geschichte ist die alte, doch ihr geistiger Rahmen hat sich gewaltig verschoben. Nach Steiner verfügten die alten Atlanter über erstaunliche technische Möglichkeiten. In dem gegebenen Beispiel fällt jedoch auf, dass ihre Anwendung auf einem technischen Niveau geschieht, das demjenigen sehr ähnlich ist, das Europa z.B. in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erreicht hatte. An Raumschiffe und ihre fleischlichen Piloten denkt Steiner noch nicht. Fahrzeuge, die die von ihm genannten Eigenschaften boten, waren dagegen zu seiner Zeit bekannt, nämlich Flugzeuge und Zeppeline.


Selbstverständlich hatten auch die Atlanter ihre Ingenieurskunst von irgendwelchen Lehrmeistern gelernt: „Göttern, höheren Wesenheiten“. Man muss sich im Zusammenhang mit dem gegebenen Beispiel deutlich vor Augen halten, dass es Erich von Däniken offenbar zuwider ist, in den Fremden aus dem All etwas anderes oder mehr zu sehen als eben prähistorische Astronauten, die von der unwissenden Menschheit zu Göttern hochstilisiert wurden. Immer wieder beteuert er: „Der Gott, an den ich glaube, hat es nicht nötig, mit einem knatternden Raumschiff im Weltall herumzufurzen!“ Er wird nicht müde, sich und seine Theorie von dem Dunstkreis der zornigen, eifersüchtigen, besitzergreifenden, lebensgefährlichen „Gottheiten“ zu distanzieren. Seine Bücher sind von dem aufrichtigen Bemühen gekennzeichnet, den Staub des Dogmatischen, Mystisch-Verklärenden wegzublasen. Durch seine Rhetorik lässt er den Astronautengöttern auch nicht den Rest einer numinosen, „heiligen“ Ausstrahlung.


Mit Religion hat von Dänikens Werk genauso wenig zu tun wie die Arbeit eines Sprachwissenschaftlers, der alte Texte und ihre Quellen Satz für Satz und Wort für Wort seziert. Zugang zum Inhalt der Sagen erhält der Laie aber nur bei von Däniken, denn der tut nichts anderes als die Mythen mit den Augen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts zu betrachten. Dabei hat der Schweizer das problematische Terrain der religiösen Interpretation und der spirituellen Deutungsansätze absichtlich längst verlassen. Der Esoteriker Rudolf Steiner würde von ihm allenfalls zitiert werden, um seine eigene Theorie zu untermauern, aber er würde sich einen Steiner nicht zu eigen machen.


Bei Steiner finden wir eine komplette Kosmo- und Anthropogenese, deren Bestandteil auch die „höheren Wesenheiten“ sind. Diese in sich geschlossene Geisteslehre vermag auch – bzw. sie will – die Geheimnisse des menschlichen Wesens und der menschlichen Bestimmung zu lüften. Deshalb erhebt auch sie wie alle religiösen, spirituellen Welterklärungsversuche automatisch einen Anspruch auf die universelle Wahrheit, auch dann, wenn sie diesen Anspruch nicht wörtlich und unmittelbar ausdrückt. Charakteristisch für solche Systeme sind die deterministischen, auffordernden Begriffe „Glaube“ und (spirituelle) „Entfaltung, Erkenntnis“. Gerade diese Prozesse verlangt von Däniken von keinem einzigen seiner Leser.


Als Randnotiz sei hier erwähnt, dass Steiners Nach-Folgern im Jahr 2000 gewaltiger Ärger ins Haus stand. Steiners „Geheimwissen“ um Atlantis geriet plötzlich ins Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik und rief sogar das Bundesfamilienministerium und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften aufs Tapet, als publik wurde, dass zu den Lehrmitteln der von Steiner inspirierten Waldorf-Schulen, immerhin den in Deutschland am weitesten verbreiteten Alternativschulen, ein Buch mit dem Titel „Atlantis und das Rätsel der Eiszeitkunst“ gehört. Das Buch erschien erstmals im Jahre 1936 und erfuhr 1980 eine Neuauflage; als Verfasser zeichnet der Anthroposoph und Waldorf-Lehrer Ernst Uehli verantwortlich. Darin sollen sich Sätze finden wie: „Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden.“; weiter „Der Neger ist kindlich, ist ein nachahmendes Wesen geblieben“; alles in allem wird eine platte menschliche Rassengeschichte ausgebreitet[10]. Nun muss das natürlich nicht zwingend bedeuten, dass der Rassismus an sich Bestandteil der anthroposophischen Lehre ist. Fairerweise könnte man ebenso gut einräumen, dass sich lediglich der Autor den Nazis anbiedern und zeigen wollte, wie wunderbar systemkonform die Anthroposophie doch sei, um 1936 auf diesem Wege Repressionen zu entgehen. Der springende Punkt ist aber, dass der Atlantis-Mythos unabhängig von der steinerschen Lehre sowieso Bestandteil des nazistischen Weltgebäudes war. Nach den Ansichten einiger Vordenker des Nationalsozialismus war Atlantis ja tatsächlich die Wiege der „arischen“ Rasse. Heute rückt diese Synchronizität schon den Mythos an sich – in den Augen zahlreicher Menschen, die diese Diskussionen verfolgen – in die Nähe rassistischer Wahnvorstellungen. Der Mythos von Atlantis als einer (schon bei Plato als hochzivilisiert geltenden) sagenumwobenen Welt, die lange vor unserer Zivilisation und Zeitrechnung existierte, ist an und für sich aber weder eine Erfindung Steiners noch der Nazis, sondern lässt sich viel weiter zurückverfolgen.


Mose, Kayapo, Rudolf Steiner, Altertum und Gegenwart... . Es sind genau diese Rösselsprünge zwischen Zeiten und Ländern, die Erich von Däniken bei seriösen Wissenschaftlern so unbeliebt machen und die ihn doch gleichzeitig am nachhaltigsten von dem Vorwurf reinwaschen, er betreibe Rassismus, „Weltraumrassismus“ gar. Es lässt sich keine Schema erstellen, nach dem seine Astronauten-„Götter“ ihre Gunst verteilten. Es gibt auch keinen Anhaltspunkt dafür, dass die „Götter“ darüber beratschlagten und debattierten, welches Volk und welche Menschenrasse „reif“ dafür sei, den „göttlichen Segen“ zu empfangen. Von Däniken unterstellt keinem Volk eine ihm eingeborene Dummheit, so dass es zu keinen eigenen schöpferischen Leistungen fähig gewesen und deshalb auf die Hilfe der technisch überlegenen „Herrenmenschen“ aus dem All angewiesen wäre[11]. Ausdrücklich weist er immer wieder darauf hin, dass Anhaltspunkte für seine Theorie in den Überlieferungen rund um den Globus zu finden seien. Dieser Universalismus, den von Däniken selbst wahrlich oft genug unterstreicht, ist das überzeugendste Argument gegen die These, der Schweizer sei ein verkappter Rassist. Geht es nach ihm, so sind entweder alle Völker (von den Außerirdischen) auserwählt worden - oder keines. Eine andere Alternative als sich mit der Präsenz der Außerirdischen abzufinden hatten unsere Altvorderen nach von Däniken sowieso nicht.


 


 








[1] Erich von Däniken: Der Jüngste Tag hat längst begonnen, München 1995



[2] Erich von Däniken: Der Tag, an dem die Götter kamen, München 1984



[3] www.aas-fg.org



[4] Ulrich Dopatka: Die große Erich von Däniken Enzyklopädie, Düsseldorf und München 1997



[5] Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, Dresden 1909



[6] siehe 4



[7] Erich von Däniken: Aussaat und Kosmos, Düsseldorf und Wien 1972



[8] www.rudolf-steiner.de



[9] siehe 3



[10] Vgl „Arisches Genie und die Waldorfschulen“, in: Süddeutsche Zeitung vom 15.7.2000



[11] Die haltlose Behauptung, dass wahlweise die Juden oder gar alle semitischen Völker keine schöpferischen, kreativen Talente besäßen, ist fester Bestandteil antisemitischer und nazistischer Ideologie. Hitler vertrat die Auffassung, dass „der Jude“ keine Kunst und Architektur kenne, sondern lediglich „arische“ Vorbilder abkupfere, damit aber deren hehre Ideale herabwürdige und zersetze.

26.7.04 16:18


Hitlers Traum vom Gottesstaat

Hitlers Traum vom Gottesstaat


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Auschwitz war ein Aufbruch ins Neandertal. Sowohl bei der Hexenverbrennung als auch bei der Judenvernichtung handelt es sich nicht um kriegerische Unternehmen, sondern um magische Säuberungen, um Teufelsaustreibungen und um die Läuterung einer mythischen Elite.“ – E.W. Heine, Der neue Nomade


 


 


 


I.


 


Kein Mensch dürfte sich in den Augen seiner Artgenossen gründlicher disqualifiziert haben als Adolf Hitler. Das unvorstellbare Ausmaß seiner Verbrechen, die auf einem absurd-konfabulierten Dogma beruhten, wie es die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte, sorgte dafür, dass sein Name zum Synonym der Unmenschlichkeit wurde. Der fanatische Hass auf überhaupt alles Fremde und insbesondere auf Juden zieht sich so ziemlich durch alle öffentlichen Äußerungen Hitlers, die er im Laufe seiner fünfundzwanzigjährigen Karriere als Politiker und Massenmörder von sich gab. Dass auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Menschheitsverbrechen des Dritten Reiches Jahr für Jahr in unzähligen Diskussionsrunden und Buchveröffentlichungen erörtert werden, und das weltweit, zeigt einerseits, wie tief der Schock sitzt, und ist andererseits gerade deshalb zu begrüßen, weil so verhindert wird, dass die Nazis und ihre unausdenkliche Grausamkeit in Vergessenheit geraten. Denn aus unserer heutigen Perspektive erscheint uns das Dritte Reich bereits fern und irreal, als ein düsteres Zerrbild der Wirklichkeit, und es fällt uns schwer zu glauben, dass die Nazis die Wirklichkeit einst durch die Linse ihrer furchtbaren „Weltanschauung“ betrachteten. Die Dimension der angerichteten Gräuel übersteigt unser Vorstellungsvermögen.


Nun stellt sich bis in unsere Tage die Frage nach dem Weshalb. Warum betrachteten Hitler und seine Schergen den Völkermord an den Juden geradezu als zentrale Angelegenheit ihrer nationalsozialistischen Bewegung? Woher dieser totale, hasserfüllte Antisemitismus? Warum predigte Hitler den Deutschen ein Vierteljahrhundert lang wieder und wieder „Die Juden sind an allem schuld“, warum kreisen all seine Reden von seinen politischen Anfängen bis zu seinem kläglichen Selbstmord im Grunde nur um dieses abstruse Wahngebilde? Und vor allem, wie konnte ein Volk von achtzig Millionen auf das plumpe Geschwätz hereinfallen, und das mitten im zwanzigsten Jahrhundert?


 


 


II.


 


Hitler selbst betonte immer wieder, er sei gegen seinen Willen Politiker geworden. Er mag geglaubt haben, die von ihm so oft beschworene „Vorsehung“ habe ihn mit „traumwandlerischer Sicherheit“ zweckmäßig auf diese Laufbahn geführt. Als erklärter Feind des „jüdischen“ Parlamentarismus und der Demokratie standen Staatsmänner nie besonders hoch in seiner Gunst. Folglich handelte er auch kaum staatsmännisch. Auch wenn er das Gegenteil behauptete: Er artikulierte und vertrat nicht die Bedürfnisse des Volkes, sondern verkündete absolute Wahrheiten von seinem Thron herab, denen sich das Volk anzupassen hatte. Da Hitler behauptete, dem „durch und durch verjudeten“ deutschen Volk mangele es an der Selbsterkenntnis, die Genialität seines Führers anzuerkennen, enthielt er den Massen von 1934 an bis zum bitteren Ende auch das geringste Recht auf Selbstbestimmung vor. Zwar wurde die Weimarer Verfassung bis 1945 nie offiziell für ungültig erklärt, doch höhlte Hitler die Republik nach und nach aus, bis der Führer allein über dem zerstörten Staatsapparat und einer heillos chaotischen Bürokratie stand.


Immer wieder taucht das Wort Vorsehung in Hitlers Vokabular auf. Die Vorsehung sei es gewesen, die ihn zum allmächtigen Führer des Reiches gemacht habe. Sooft er wahlweise dem Judentum, den Freimaurern und dem Bolschewismus die Planung und Ausführung der zahlreichen Attentate auf seine Person in die Schuhe schob, sooft machte er die günstige Vorsehung dafür verantwortlich, dass diese Aktionen oft genug buchstäblich in letzter Sekunde gescheitert waren. Noch in der deprimierenden Endzeitstimmung der letzten Tage und Wochen tief im Innern des Führerbunkers unter der Reichskanzlei klammerte Hitler sich an den Strohhalm, dass die Vorsehung bald eine Wende des Kriegsglücks herbeiführen werde.


Zwischen diesem aberwitzigen Wunderglauben und einem Charakteristikum, das auch der Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz 1999[1] als Merkmal der rechtsextremen „Staatstheorie“ anführt, gibt es einen nicht von der Hand zu weisenden Zusammenhang.


 


„Rechtsextremistische Ideologie wurzelt in nationalistischem und rassistischem Gedankengut. Sie wird von der Vorstellung bestimmt, die ethnische Zugehörigkeit zu einer Nation oder Rasse mache den Wert des Menschen aus. Da diesem Kriterium auch die Menschen- und Bürgerrechte nach rechtsextremistischem Verständnis unterzuordnen sind, lehnen Rechtsextremisten das – für jedes Individuum geltende – universale Gleichheitsprinzip ab. Sie propagieren zudem ein autoritäres politisches System, in dem der Staat und ein ethnisch homogenes Volk als angeblich natürliche Ordnung in einer Einheit verschmelzen (Ideologie der >>Volksgemeinschaft<< und die staatlichen Führer intuitiv nach dem einheitlichen Willen des Volkes handeln. Insofern erübrigen sich in einem Staat rechtsextremistischer Prägung die wesentlichen Kontrollelemente der freiheitlichen demokratischen Grundordnung wie das Recht des Volkes, die Staatsgewalt in Wahlen auszuüben oder das Recht auf Bildung und Ausübung einer Opposition.“ (Kursive durch Autor)


 


Es ist einer der listigsten propagandistischen Schachzüge gerade der Hitler-Bewegung, aber auch der gegenwärtigen neurechten Gruppen, dass die Vorbereitung und Aufrichtung des Führerstaates als Erkenntnisprozess ausgegeben wird. Ehe das Volk des göttlichen Auftrags des Führers gewahr werden kann, muss es erst aus seinem Schlaf erweckt werden, muss es – und muss möglichst jeder Einzelne – einen Akt der Bewusstseinserweiterung durchlaufen. Und was kann lästige Opposition zum sogenannten Gott- oder Übermenschentum dann anderes sein als die verwirrten, verstockten Relikte des zurückgebliebenen, unentwickelten, untermenschlichen Kulturmenschen? Die Begriffe des menschlichen Wesens sowie der Angelegenheiten des Herzens und der Seele werden geschickt für die propagandistischen Zwecke instrumentalisiert. „Erwachen“ im Sinne des Nationalsozialismus heißt, ebenso wie der neue „Gottgesandte“ ein vermeintliches Gespür für die weltbewegenden Kräfte der Vorsehung zu entwickeln, die in seinem Schalten und Walten wirksam sind!


In „Mein Kampf“ spricht Hitler von langfristigen, grundlegenden Tendenzen und Prozessen, deren Konsequenzen die gesamte Weltgeschichte unterworfen sei. Hitler behauptet, sein Talent liege darin, dass er diese verborgenen Strömungen entdecke und sich in seinen politischen Anschauungen von der Weltgeschichte „lehren“ lasse. „Nationalsozialismus ist der Wille des Führers! Punkt!“, diktierte einst Martin Bormann, Hitlers sklavisch ergebener Sekretär, seinem kleinen Sohn auf die Frage hin, was denn der Nationalsozialismus seinem Wesen nach sei. Es war die heilige Pflicht jedes Deutschen, zu der gleichen Auffassung zu gelangen. Halb in höhere Sphären entrückt, formuliere der Führer als Medium zwischen Gott- und Menschenwelt den „Wahren Willen“ des ganzen Volkes, der unerkannt tief im Innern eines jeden schlummert und der nun zum Vorschein kommen muss. Mit diesem ersten Schritt werde die unbesiegbare „Volksgemeinschaft“ geschmiedet.


Man beachte die mit einer böswilligen Schlauheit vorausgedachte Konsequenz: Wenn der Krieg verloren geht und die Katastrophe über Deutschland hereinbricht, sind Hitler und seine willfährigen Vollstrecker dennoch aus dem Schneider. Denn nicht Unfähigkeit und heller Wahnsinn des Regimes haben den Untergang herbeigeführt, sondern der zu schwache Glaube der „Volksgenossen“. Ihrer Halbherzigkeit hätten es die Deutschen zu verdanken, dass sie aus dem Kampf um die Welt-Vorherrschaft eben als Verlierer hervorgehen. In seinem kurz vor dem Selbstmord diktierten „Testament“ weint Hitler dem „Edelvolk“ denn auch keine Träne nach. Soll Deutschland doch für immer aus der Geschichte getilgt werden! Um es auf den Punkt zu bringen: Schuld haben immer die anderen!


 


 


III.


 


 Obwohl Hitler in den Deutschen durchaus sein erwähltes Volk sah, entsprachen sie doch kaum dem rassischen Ideal der nordischen „Arier“ der NS-Ideologie: blond, blauäugig, hochgewachsen. Freilich entsprach der Alleinherrscher dem für die SS verbindlichen Ideal selbst am allerwenigsten - typisch für die Lächerlichkeit und innere Widersprüchlichkeit des gesamten Regimes. Aufgrund der „inneren Verjudung“ erachtete Hitler die Deutschen auch als zu „weich“. So hatten Geheimberichte nach den antijüdischen Pogromen der „Reichskristallnacht“ sehr zum Missfallen des Führers ergeben, dass die Brutalitäten der Nazis unter den Deutschen zum großen Teil Misstrauen und Besorgnis gegen das Regime und Mitleid für die jüdischen Mitbürger hervorgerufen hätten. Nicht zuletzt deshalb versuchten die Nazis den organisierten Völkermord vor ihren Untertanen tunlichst geheim zu halten.


Aber schließlich betrachtete Hitler die „Massen“ im Doppelsinn des Wortes nur als den Lehm, der unter seinen Händen zum Bild einer neuen Menschheit geformt werden sollte, zu einem „arischen Übermenschen“, dem die Indoktrination mit den Glaubenssätzen des Führerkultes erst Leben einhauchen sollte - nichts anderes versuchten die Nazis ja mit der Menschenaufzucht z.b. im „Lebensborn“, wo die „rassische Auslese“ gekreuzt wurde, um ebensolchen Nachwuchs zu zeugen.


Hitler selbst war wohl der erste und fanatischste Anhänger des Personenkultes, den ein seinem Führer geradezu masochistisch ergebener Goebbels ankurbelte. Die Wurzeln des hitlerschen Egotrips reichen weit in die Vergangenheit des gebürtigen Österreichers zurück. Bereits in den zwanziger Jahren stellte er sich ganz unbescheiden als neuen Christus dar, der das Werk seines Vorgängers zu vollenden gedachte - nur predigte Hitler nicht die Nächstenliebe, sondern den Hass. Auch später berief sich der Diktator immer wieder publikumswirksam auf den Heiland; auf einen „arischen“, blonden Jesus, versteht sich. In Hitlers Gewaltphantasien spielte dabei jene biblische Szene eine große Rolle, in der Jesus die „jüdischen“ Händler und Geldeintreiber aus dem Tempel hinauswirft - darin sah Hitler seine eigene Sendung vorgezeichnet.


Der Führerkult, die Vergottung Hitlers, nahm durch unausgesetzte Propaganda, die erstaunlichen innen- und außenpolitischen Erfolge und eine zunächst erfolgreiche Wirtschaftspolitik (die das „Wunder“ vollbrachte, innerhalb kürzester Zeit von fünf Millionen Arbeitslosen zur Vollbeschäftigung zu gelangen), dann auch die militärischen Erfolge des Frankreichfeldzugs immer größere, groteskere Ausmaße an. Mit seinen Erfolgen, die ihm scheinbar Recht gaben, gelang es Hitler, die Deutschen nicht in Nazis, aber in ein Volk von Führergläubigen zu verwandeln. Die Kritiker verstummten in diesen Anfangsjahren nach und nach; alles, einfach alles schien Hitler zu gelingen. Und dessen Rechnung schien aufzugehen: Eine Art kollektiver Individualitätsverlust machte sich unter den Deutschen breit. In ländlichen Gegenden stand die Ikone des Führers im „Herrgottswinkel“, dem traditionellen Hausaltar, oft tatsächlich direkt neben dem Kruzifix oder dem Bild des Jesus Christus. Im Schulunterricht wurden die Kinder über die Nachfolge Hitlers auf Jesus aufgeklärt. Der "Bund Deutscher Mädel" BDM kannte ein ganzes Vaterunser auf Hitlers Namen!


Mit der blendenden Aussicht von Hitlers Berghof auf den Untersberg genau gegenüber hat es eine besondere Bewandtnis, wusste die Volkssage doch vom Untersberg, dass dort der große Kaiser Friedrich Barbarossa seiner Wiederkunft am Ende der Tage harre, um dann in die apokalyptische Abrechnung zwischen Gut und Böse einzugreifen. Als Hitler schließlich vom Obersalzberg herabstieg, um seinen Kreuzzug gegen das Reich des Bösen und des „jüdischen Bolschewismus“, die Sowjetunion auszurufen, bewies er seine (vermeintliche) geistige Verwandtschaft zum Stauferkaiser, indem er den Überfall mit dem Tarnnamen „Barbarossa“ bezeichnete.


Was sich in den zwölf Jahren des Dritten Reiches so abzuzeichnen begann, war von den Nazis genauestens eingeplant worden und entsprach auch Hitlers Selbstverständnis: Die Etablierung des Führers als weltliches und geistliches Oberhaupt der NS-Bewegung. Im Sendungsbewusstsein Hitlers liegt der wohl maßgebliche Unterschied zu den neuzeitlichen Epigonen wie Saddam Hussein, die sich dann auf die Religion berufen, wenn es ihnen gerade zweckmäßig erscheint. Hitler dagegen sah sich als Künder einer neuen Religion und eines neuen Zeitalters - oder was immer er darunter verstand. Dieser kultische Aspekt des Nationalsozialismus trat mit zunehmender Dauer der Diktatur immer deutlicher in den Vordergrund, auch wenn Hitler den Deutschen einen Großteil seiner größenwahnsinnigen Vorhaben wohlweislich verschwieg. Wären alle Pläne der Nazis realisiert worden, so hätte die Macht über das Volk totaler nicht sein können.


 Es war eine rückwärtsgewandte Bewegung, die Hitler & Co. da vorantrieben, ein reiner Anachronismus. Eines der absurd-lächerlichen, beklemmenden Ziele war zum Beispiel, Deutschland nach dem gewonnenen Kriege in einen vorindustriellen Bauernstaat zurückzuverwandeln; besonders der SS-Chef Heinrich Himmler, ein gelernter Landwirt, schwärmte für diese seltsame Idee. Die Vorbilder der Nazis lagen denn auch im alten Rom und besonders im antiken Griechenland - ähnlich wie bei diesen altertümlichen Staaten hätte dann die versklavte Bevölkerung der unterworfenen Länder die zweifelhafte Ehre gehabt, für ein entstehendes „Großdeutsches Reich“ zu malochen. Schon bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, gegen deren organisatorische Perfektion und atemberaubenden Pomp sich alle vorherigen Spiele ausnahmen wie Schulsportfeste, sollte griechischer Geist wieder auferstehen - oder zumindest das, was die Nazis darunter verstanden. Es war Hitler, der den antiken Brauch des olympischen Feuers wiederbelebte: Im monumentalen Rund des Olympiastadions loderte das Feuer als Gruß vom Götterberg. - Unter diesen Gesichtspunkten ist die Äußerung eines Ralf Dahrendorf, der Nationalsozialismus sei „der Einbruch der Moderne“ in Deutschland gewesen, äußerst fragwürdig. Das Rad der Zeit sollte um zwei Jahrtausende zurückgedreht werden, zu spät wurde den Deutschen klar, dass der Weg dabei gerade zurück in die Barbarei der Steinzeit führte.


 


 


IV.


 


Der Nationalsozialismus war also nicht Ausdruck einer allgemeinen Zeittendenz. Politisch stand er für eine eigentümliche Mixtur aus reaktionärem und revolutionärem Gedankengut. Ideologisch und in der „Gleichschaltung“ der Bevölkerungsschichten in riesigen staatlichen Organisationen, in denen das Leben des Einzelnen bis ins Detail vorausbestimmt war, glich das Hitlerreich eher Stalins Sowjetunion als dem faschistischen, elitären Ständestaat eines Mussolini - das vorläufige Paktieren mit der Sowjetunion war daher nicht so überraschend, wie es auf den ersten Blick scheint. Dennoch war und ist die Hitlerdiktatur einzigartig. Warum aber dieser Sonderweg der Deutschen? War das Dritte Reich eine zwangsläufige Folge der Revolution von 1848 mit ihren national-patriotischen Idealen und der Großmachtpolitik Bismarcks bis zum Ersten Weltkrieg, gibt es hier, wie manchmal gemutmaßt wird, einen schicksalhaften Zusammenhang? Oder ist alles einzig dem Phänomen Hitler zuzuschreiben? Die Antwort dürfte irgendwo in der Mitte liegen.


Hitler war nicht das Genie, für das er sich hielt, erst recht kein von der Vorsehung Erwählter. Obwohl er sich immer wieder als Einzelkämpfer darstellte, der seinen Erfolg einem unbeugsamen Willen, seine „Erkenntnis“ einem freien Geist zu verdanken habe, besaß er doch eindeutig schon sehr früh einflussreiche Helfer und Sympathisanten, die für ihn hinter den Kulissen die Fäden zogen, und weltanschauliche Vorbilder, die er sich derart verinnerlichte, dass er deren Anschauungen bald als eigenes Gedankengut ausgab. So entstand der Flickenteppich seiner obskuren „Weltanschauung“, welche die Nazi-Ideologie grundsätzlich prägte - in der Tat weist der frühere Danziger Senatspräsident Hermann Rauschning darauf hin, die Ansichten des Führers seien im Grunde die ganze Ideologie gewesen, die der Nationalsozialismus hatte. Andererseits verstand er es meisterhaft seine Spuren zu verwischen, so dass er seine Biographie ständig schönfärbte und seine wahren Einflüsse verschwieg, um den gewünschten Effekt zu erzielen.


Nach dem Tod der Eltern zog der damals achtzehnjährige Hitler von Linz nach Wien. Dort bezog er mit seinem Schulfreund August Kubizek ein Zimmer als Untermieter. Während der Freund seinem Studium nachgeht, führt Hitler das Leben eines Bohemien und hält sich mit seiner Waisenrente über Wasser. Er ist ohne Schulabschluss, hat keine Lehre gemacht und denkt nicht im entferntesten daran, einen Job anzunehmen. Obwohl er ein Empfehlungsschreiben an den Bühnenbildner der Hofoper, den glühend verehrten Alfred Roller in der Tasche hat, wagt er es nicht, bei ihm vorzusprechen. Seine einzige Erwerbsquelle ist auch noch in den Tagen seiner Obdachlosen- und Männerheimzeit (die er später in Mein Kampf aus Gründen der Selbststilisierung schamhaft verschweigt) die Malerei - er verkauft Postkarten und Aquarelle mit den Ansichten Wiener Sehenswürdigkeiten. Bis spät in die Nacht hinein betreibt Hitler das, was er sein „Selbststudium“ nennt: Neben unzähligen Opernbesuchen der Aufführungen seines Idols Richard Wagner verschlingt er ein Buch nach dem anderen und bildet sich so autodidaktisch. Hitler eignet sich so das an, was er in Mein Kampf als „granitenes Fundament“ seiner „Weltanschauung“ bezeichnet. Tatsächlich lassen sich viele seiner späteren Äußerungen auf die Vorlagen der Wiener Jahre zurückführen, die sich der „Führer“ gut eingeprägt haben muss. Dabei bediente er sich einer Technik, die typisch für ihn war und die von vielen Zeitgenossen bezeugt ist. Las Hitler ein Buch das ihn fesselte, so verinnerlichte er es, indem er im Kreise seiner Mitmenschen in dauernden Wiederholungen davon sprach. Auch August Kubizek lobt das „Schubladengedächtnis“ seines Freundes; zum Teil scheint sich der arbeitsscheue Gedächtniskünstler die Werke seiner Vordenker seitenweise und Wort für Wort gemerkt zu haben! Wer diese nicht kannte, musste im Gespräch mit Hitler den Eindruck gewinnen, dass der die Früchte eigenen Nachdenkens zum Besten gab. Dabei war der Kunstmaler Hitler nicht mehr als ein talentierter Kopist. Je mehr Information Hitler aufnahm, desto besser, so Kubizek, schien sein Gedächtnis zu werden. Wer also waren seine Vorbilder, aus welchen Bausteinen bestand das „granitene Fundament“?


 


 


V.


 


Das Wien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts war eine Stadt der Gegensätze. Tradition und Moderne prallten aufeinander; die Anhänger der Strömungen lieferten sich einen erbitterten Grabenkrieg. Weiterhin sorgte der im neunzehnten Jahrhundert erwachte Nationalismus für sozialen Sprengstoff: Die in der Donaumetropole zusammengewürfelten Nationalitäten des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn konkurrierten heftig miteinander. Je mehr sich eine Minderheit auf die Wurzeln ihres Volkstums besann, so „fremd erschienen [ihr] nun die anderen Völker”, schreibt Brigitte Hamann[2]. Der Nationalismus ging eine folgenschwere Verbindung ein mit der - vorsichtig ausgedrückt - „stark popularisierten“ These Darwins von der Evolution des Lebens zu komplexeren, zu „höheren“ Formen, die nun auf Völker und Menschenrassen übertragen wurde. Regeln zur Rassenentmischung wurden von den Anhängern solchen Denkens erstellt, die der „volksbewusste“ Mensch einhalten sollte - aus unserer heutigen Perspektive springt die Parallele zu den Rassengesetzen von Nürnberg „zum Schutze des Blutes und der Ehre des deutschen Volkes“ 1935 ins Auge. - Solcherlei Thesen machten auf den vom Elternhaus her stramm deutschnational geprägten Hitler bleibenden Eindruck.


Das neunzehnte Jahrhundert war in vielerlei Hinsicht auch das Jahrhundert des extremen Materialismus und Rationalismus - die Pforte ins Industriezeitalter wurde weit aufgestoßen, fortschrittsbegeistert und wissenschaftsgläubig griff man nach den Sternen, in der Philosophie verleideten die Rationalisten den Idealisten das Phantasieren. Gleichzeitig gedieh als Gegenbewegung eine esoterisch-okkulte Subkultur, die auch in Hitlers Wiener Jahren noch in voller Blüte stand. Seine heftige Abneigung gegen Wissenschaft und Professur teilte der junge Hitler mit vielen Zeitgenossen. Zahlreiche obskure Welterklärer verbreiteten in Broschüren und Vorträgen ihre eigenartigen Anschauungen.


 


 


VI.


 


Einer von ihnen war Hanns Hörbiger. In einer Vision wollte er seine Kosmogonie, die „Welteislehre“ empfangen haben; weiter stützte er sich in seinen Theorien auf die Astrologie und altgermanische Sagen. Nach Hörbiger entstanden die Planetensysteme - so auch unser Sonnensystem - durch die Kollision gigantischer Eisblöcke (das Wasser in seiner „kosmischen Form“) mit den jungen Sternen. In der folgenden Explosion seien gewaltige Materiewolken ins All geschleudert worden, um sich zu den verschiedenen Planeten zu verdichten und ihre Bahn um die Sonne aufzunehmen. Allerdings bewegen sich die Himmelskörper nach Hörbiger nicht auf den bekannten elliptischen Bahnen, sondern sie beschreiben eine Spiralform, das heißt, sie nähern sich der Sonne angeblich wieder an. Deshalb vertrat Hörbiger auch die Ansicht, die Erde sei ursprünglich von vier Monden umkreist worden, von denen drei im Laufe von Äonen bereits mit unserem Planeten kollidiert seien. Die letzte Kollision habe sich vor 13.000 Jahren ereignet; das habe damals den Untergang von Atlantis bedeutet, jener sagenumwobenen Vorwelt, die, wie es die NS-Ideologie will, die Wiege der arischen Rasse ist!


Die Welteislehre ist also auch eine Lehre der Weltzeitalter, die in ähnlicher Form bei den alten Griechen, den Maya, Hopi und in den Überlieferungen vieler anderer Völker lebt. Der Autor und Hörbiger-Anhänger Egon Friedell deutete die Welteislehre als „Entwicklung, [die sich] in der Form explosiver Weltaufgänge und Weltuntergänge vollziehen musste. Nach den uralten Weisheitslehren der Sterndeuter (...) vollzieht sich der Gang der Weltgeschichte in Zeitaltern von je 2100 Jahren, die sich nach (...) dem Stand der Tierkreiszeichen bestimmten.“[3] Als Führer spricht Hitler mit einer besonderen Vorliebe von Weltepochen von tausend- bis zweitausendjähriger Dauer, das „Tausendjährige Reich“ ist eine der Standartfloskeln seines Dogmas, er weist darauf hin, dass der Nationalsozialismus mindestens ein- bis zweitausend Jahre über die Erde herrschen müsse und orakelt andererseits, Europa werde in ein „vielleicht 2000- bis 3000jähriges Chaos“ versinken, wenn seine Allmachtsansprüche sich nicht erfüllen sollten. Gigantomanie ist eines der wesentlichen Charaktermerkmale Hitlers. Er denkt in Erdzeitdimensionen und geht über Einzelschicksale kaltblütig hinweg.


Glühender Anhänger der er war, wollte Hitler seinem Idol posthum ein Denkmal setzen lassen: Er plante die Errichtung einer Sternwarte bei Linz, in deren drei Etagen die bedeutendsten kosmologischen Modelle dargestellt werden sollten. Im Erdgeschoss dachte sich Hitler die Räumlichkeiten für die ptolemäische Lehre, in der Etage darüber die kopernikanische, und der krönende Abschluss sollte freilich die seligmachende Weisheit des Hanns Hörbiger sein. Dass er das Observatorium am Platz einer barocken Wallfahrtskirche errichten wollte, passt zu Hitlers Selbstinszenierung.


Die Nazis bedienten sich Hörbigers Theorie aber auch aus einem weiteren Grund. Hörbiger sollte zum „arischen“ Gegenspieler von Albert Einstein aufgebaut werden. Einsteins Theorien hatten sich in der Wissenschaft und in der westlichen Welt innerhalb weniger Jahre weithin durchgesetzt. Für die nationalsozialistische Propaganda jedoch war die Revolutionierung des modernen Weltbilds durch den Juden Einstein eine schmerzhafte Niederlage. Hörbigers Theorie sollte Einsteins Triumph, wenn nicht ungeschehen machen, so doch wenigstens überstrahlen.


 


 


VII.


 


Ein weiterer „Privatgelehrter“ dessen Anschauung Hitler wohlbekannt gewesen sein dürfte und der damit in der verführerischen Naziideologie Spuren hinterließ war Guido von List. Bei ihm nahm die Hinwendung zu Überlieferung und Kultur der Germanen und die Abschottung gegen andere Völker geradezu religiöse Formen an. Selbstverständlich verdankte auch von List seine plötzliche Erleuchtung einer Vision, die ihn, der sorgsam gepflegten Legende nach, während einer vorübergehenden Erblindung überkommen haben soll.[4] Dabei sei ihm das gesamte esoterische Wissen der Germanen offenbart worden, fortan deutete er Mythologie und Runenzeichen in äußerst fragwürdiger Weise. List trennt die Menschheit strikt in zwei Lager: Den schöpferischen arischen Herrenmenschen und den untätigen Untermenschen, der allenfalls zum Sklavendasein taugt.


 Als Ursprung der arischen Rasse nannte List einen Kontinent im hohen Norden, aus dem die Arier durch die Eiszeit vertrieben worden seien. Auf ihrer Wanderung nach Süden hätten sich die Arier mit den „minderrassigen“ Völkern vermischt, dabei das „Blut“ der Wilden auf ein höheres Niveau gehoben, ihr eigenes Potenzial aber verausgabt. Darum, so List, sei eine strenge Rassentrennung notwendig, welche die alten Verhältnisse wiederherstellen würde.


In zahlreichen Veröffentlichungen begründete List einen heidnischen Kult, bei dem er mit seinen Anhängern Messen zu ehren des Gottes Wotan zelebrierte. Mit seiner Sekte feierte List Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden und führte auch das Hakenkreuz als Erkennungszeichen seiner Anhänger ein. Das Hakenkreuz oder Swastika (nach dem Sanskritausdruck su asti = sie ist gut) ist ein uraltes Symbol, das viele Kulturen rund um den Erdball kannten, sowohl Inder und Griechen als auch die Indianer Amerikas. Ursprünglich ein Zeichen des Glücks, erlangte die Swastika als „Feldzeichen“ des Hitler-Wahns traurige Berühmtheit, die das Symbol bis heute mit einem Tabu belegt. Hitler legte besonderen Wert auf die berüchtigte rechtsdrehende Swastika, die dann etwa mit „Er ist gut“ zu übersetzen ist. Sein Jugendfreund Kubizek erinnert sich, das ausgesuchte „Feldzeichen“ Hitlers in einem seiner Bücher gesehen zu haben.


 Mit hoher Wahrscheinlichkeit kannte Hitler die eigenwilligen Auslegungen Lists zu den Runen und Mythen. Zu Hitlers Wiener Zeit wurden die Parolen Lists in den radikalen deutschnationalen Zeitungen und Broschüren, besonders in den Blättern der Alldeutschen Partei, so ausgiebig diskutiert, dass man keinen der Romane und keine der schwülstigen Epen Lists gelesen haben musste, um über dessen Lehre umfassend informiert zu sein. Deshalb dürfte Hitler auch Lists Prophezeiung über den „Starken von Oben“ gut gekannt haben. In seinem Buch „Der Unbesiegbare“ stellt der rassistische Okkultist diese Figur ausführlich dar. Bei ihr handelt es sich um jenen gottgesandten, unfehlbaren Führer, der das aus dem „Rassenbabel“ wiederauferstandene „deutsche Edelvolk“ zur Weltherrschaft leiten werde, ein Weg, der diesem vermeintlich rassisch höherstehenden Volk durch die Schöpferkraft des reinen Blutes geradezu schicksalhaft vorherbestimmt sei. Die Zeit dieses Führers sei gekennzeichnet durch ein „völliges Erwachen des ariogermanischen Geistes (...), wenn auch vorerst nur bei einer Minderheit.“[5] Durch das beherzte Eintreten dieser Minderheit für die rassischen Ideale und dafür, „das Blut rein zu erhalten“, werde der Weg geebnet zur Züchtung des „arischen Edelmenschen“, „hinauf zum heiligen Gral, zum Ariogermanentum.“ Der „Starke von Oben“ ist nach List daran zu erkennen, dass er durch kein äußeres Gesetz gebunden ist - das nach List ja nur eine Fessel an die verdorbene Welt der Rassenschande sein kann! - sondern vielmehr seinem inneren Sendungsbewusstsein gehorcht und, vor allem, dass er jeden Kampf siegreich übersteht. Das klingt wie eine Legitimation Hitlers, der im Laufe seiner Karriere sämtliche Konventionen und Vereinbarungen brach, wann immer er es für richtig hielt. Der „Starke von Oben“ ist stets im Recht, da er in seinem Handeln einer naturgesetzmäßigen Vorsehung gehorcht.


Ab 1907 gründete List Geheimbünde nach Freimaurervorbild, in denen der rassistischen Weltanschauung in obskuren Ritualen gehuldigt wurde und die nach außen hin Propaganda leisteten durch Gesellschaftsabende und Vorträge. In der „Armanenschaft“ sollte die „vorchristliche Edelrasse“ aufgefangen werden. Innerhalb weniger Jahre verwuchsen diese Organisationen mit denen anderer Rassisten wie Jörg Lanz und dessen Neutemplern zu einem unentwirrbaren Netz, das weit über die Grenzen Österreichs ins Deutsche Reich hineinlangte. Dort stand man in engem Kontakt mit dem mächtigen Bayreuther Kreis (dem antisemitischen Geheimbund um die Erben Richard Wagners), mit dem Germanenorden und der Münchner „Thule-Gesellschaft“. Der Einfluss dieser Gesellschaften auf die reichsdeutsche Politik kann nicht unterschätzt werden, der Gewaltbereitschaft der Verschwörer insbesondere gegen die Weimarer Republik fielen zahlreiche Politiker zum Opfer. Ermordet wurden u.a. der sozialdemokratische Ministerpräsident Bayerns Kurt Eisner, der Zentrumspolitiker und Mitunterzeichner der Versailler Verträge Matthias Erzberger sowie Außenminister Walther Rathenau. Nachweislich hat die NSDAP ihre Wurzeln bei diesen esoterisch-weltanschaulichen Gruppen. Lists Bestrebungen markieren den Anfang der Unterwanderung der Politik durch die Fanatiker.


 


VIII.


 


Der Antisemitismus selbst war in dieser Zeit in ganz Europa zweifellos auf dem Vormarsch. Strikte Antisemiten wie der Chef der Alldeutschen Partei Georg Schönerer und der Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger, zu Lebzeiten eine Legende, standen in der Donaumetropole in Rang und Ansehen. Deren bleibenden Eindruck schildert Hitler denn auch ausführlich in Mein Kampf.


Maßgeblicher als deren Einfluss dürfte aber die esoterische Lehre des Richard Wagner auf Hitler abgefärbt haben. Dem Bayreuther Komponisten kommt das traurige Verdienst zu, Vordenker des Vernichtungsantisemitismus gewesen zu sein. Während sich Wagners antisemitisch gesinnte Zeitgenossen die Juden buchstäblich ins Land wünschten, wo der Pfeffer wächst, gedachte Wagner wohl Scheiterhaufen für die angeblichen Kunst- und Volksverderber zu errichten. Zeit seines Lebens sah sich Wagner vom jüdischen Untermenschen verfolgt. Angeblich hätten Juden seine Karriere behindert wann immer es möglich war, um von der Aufdeckung ihrer Untaten durch Wagner abzulenken. Namentlich in der Kunstszene hätten sich die Juden breit gemacht, und auch Börse und Hochfinanz seien fest in Judenhand. Durch die andauernde Unterwanderung laufe Deutschland Gefahr, seine nationale Identität zu verlieren, was den Untergang des schöpferischen deutschen Edelvolks bedeute. Schon hätten die Juden durch ihre entartete Kunst und massiven öffentlichen Einfluss den Deutschen ihre ureigenen Ideale vernebelt und stattdessen die Götzenbilder eines trügerischen, zersetzenden Materialismus errichtet, welche die Deutschen mehr und mehr mit ihrem wahren, göttlichen Wesenskern verwechselten.


Dagegen gedachte der Besserwisser Wagner anzugehen. Um den verhinderten Weltbeherrscher Deutschland aus dem Würgegriff des weltweit agierenden Judentums zu erlösen, bedürfe es eines Auserwählten, der seine Legitimation allein aus dem Gefühl seiner Sendung bezieht. Der würde das Volk aus seinem Dämmerschlaf reißen; in einer Art kollektiver Selbsterkenntnis würde sich das Volk seiner selbst bewusst, seine geeinte Willenskraft soll sich im Führer kristallisieren, der dadurch Gelegenheit erhält, „die große Lösung“ zu verwirklichen, nach der es „keinen Juden mehr geben wird“ - so Wagner in seiner Prosaschrift „Erkenne Dich selbst“. In weiteren Pamphleten wie „Das Judentum in der Musik“ und „Das Kunstwerk der Zukunft“ zielt Wagner auf das immer gleiche Thema: Die Juden sind an allem schuld, die Lösung der „Judenfrage“ ist überlebensnotwendig für Deutschland, letztlich für die ganze Welt. Verbrämt mit schönen Worten wie Demokratie und Humanismus (die Wagner auf seine eigenwillige Weise interpretiert), versteckt in verschachtelten Satzungetümen und Wortspielereien verbirgt sich dort stets der Aufruf, „nach Überwindung aller falschen Scham die letzte Erkenntnis nicht zu scheuen“. Wagners Opern sind denn auch der Versuch, dem Volk diese „Erkenntnis“ so anschaulich wie möglich zu machen. Als großer Verehrer der griechischen Tragödie will Wagner das, was er für echte deutsche Kunst und Wesensart hält, den Deutschen begreiflich machen, indem er Bühnenspiel und Wirklichkeit miteinander vertauscht. Wagner schwebte die Aufhebung der Trennung von Bühne und Parkett vor. Die suggestive Ausstrahlung seiner Opern sollte ihre Wirkung auch nicht verfehlen.


Sämtliche Werke Wagners von der Revolutionsoper „Rienzi“ bis zum Weihespiel „Parsifal“ sind nach einem recht simplen Muster gestrickt: Die eine Seite die edelmütigen Lichthelden, die andere die schurkenhaften Bösewichter, dazwischen oft noch ein holdes Weib, um das sich die Protagonisten reißen. Gut gegen Böse, Licht gegen Finsternis, Weiß gegen Schwarz und keine Kompromisse. Am Ende steht entweder der durch Verrat gestürzte tragische Held („Rienzi“, „Der Ring des Nibelungen“) oder der totale Sieg des Lichtvolkes („Parsifal“). Zwischen Sieg und Niederlage hat für Wagner wie auch Hitler keine Alternative Platz. Es gilt durch restlose Ausmerzung einer der beiden Hälften die - im Doppelsinn des Wortes - „Einheit“ wiederherzustellen. Nach Wagner ist es im Falle Deutschlands das Judentum, das einen Keil in die starke Einheit des Volkes treibt. Diesen Stachel gelte es zu entfernen. Zur Untermauerung seiner Behauptungen schwelgt Wagner in Bildern der Mythologie. In seinem geschichtsphilosophischen Phantasiegebilde „Die Wibelungen“ (das den Ursprung der Germanen diesmal in den Himalaja verlegt – wohl nach Shambala, ins mystische verborgene Reich in der Bergwelt!) setzt er den erlösenden Kampf gegen das Judentum mit dem Motiv des Drachenkampfes gleich. Sehnsuchtsvoll beschwört er den legendären Friedrich Barbarossa, den Kampf gegen den vermeintlichen Antichrist aufzunehmen, jenen „bösen nagenden Wurm der Menschheit“. In einem Brief an Ludwig II. von Bayern vergleicht er diesen mit dem Drachentöter Siegfried aus dem „Ring“. Wagner hatte sich den König zum Messias, zum Vollstrecker seiner Vision auserkoren und versuchte ihn in jahrelangen Missionierungsanstrengungen (vergeblich) mit seinem Judenhass anzustecken: „[Siegfried] wirkt eine große Tat. Er erschlägt [den Drachen] Fafner“ und befreit, gemäß dem Vorbild, Brünnhilde, oder, in der Legende des Hl. Georg, die geraubte Jungfrau. Doch Wagner wirft ein: „Deutschland - ist ihm Brünnhilde!“ Auf seine Ehelosigkeit angesprochen, antwortete Hitler, er sei bereits mit Deutschland vermählt.


 


 


IX.


 


Wagners gewaltigstes Epos, „Der Ring des Nibelungen“, ist ganz geprägt vom Weltenkampf zwischen den Gottmenschen und den Judenkarikaturen der „Nibelungen“. Das ursprüngliche Zeitalter der Weltharmonie wird mit dem Raub des sagenhaften Schatzes des „Rheingoldes“ durch die dunklen Kräfte zerschlagen. Die Kreaturen des Bösen schmieden daraus eben jenen Ring, der die Weltherrschaft symbolisiert. Joachim Köhler[6] fasst die Handlung in aller Kürze so zusammen: „Wem, so lautete die Frage, gehört eigentlich die Welt? Wer besitzt das Gold samt den „holden Frauen“, und warum? Der „Ring“ gab die Antwort. Um der „Welt Erbe“ (...) war seit Urzeiten ein erbitterter Kampf entbrannt. Aus den Tiefen der Unterwelt dringen abstoßende Wesen ans Licht, versessen auf Macht und schäbigen Lustgewinn, denen die Götter und ihre Heldensöhne aus schimmernder Höhe entgegentreten: Es kommt zur großen Titanenschlacht, in der sich das Schicksal der Welt entscheidet (...).“ Das Ende des „Rings“ ist tragisch; der Held Siegfried stirbt unter den brennenden Trümmern der Götterburg Walhall - durch die Hinterlist Hagens. Im Dritten Reich wurde Siegfried zur Märtyrerfigur schlechthin.


Doch in seinem letzten Werk „Parsifal“ geht Wagner noch einen Schritt weiter und verleiht seiner Weltanschauung quasireligiöse Züge. Mit Parsifal betritt jener „reine Tor“ die Weltbühne, dem gewappnet mit seiner Unschuld und Unwissenheit - dem aus dem Nichts auftauchenden Waisenknaben ist selbst sein Name unbekannt - das gelingt, was Siegfried und den meisten anderen Wagnerhelden letztlich versagt blieb, nämlich die vollständige Niederwerfung und Vernichtung des „plastischen Dämons des Verfalls“. Die Rollenverteilung ist die alte, aus dem Weltsymbol des Rings ist nun aber der Gral geworden. Dieser ist eng verknüpft mit dem zentralen Begriff sowohl der wagnerschen als auch hitlerschen Weltanschauung, dem Blut. Das reine Blut des - laut Wagner - arischen Heilands Jesus wurde bei der Kreuzigung im Gral aufgefangen; das andere heilige Symbol des „Parsifal“ ist die Lanze, von der es heißt, mit ihr sei dem Gekreuzigten die Wunde geschlagen worden, die das Blut in den Gral vergoss. Wie Hitler denkt Wagner in überpersönlichen Kategorien - das unvermischte, reine Blut im Kelch sei das höchste Heiligtum, das Unvergängliche, Grundlage und Lebenselixier der Rasse, wenn man so will, der arische Genbausatz. Zu Beginn des „Parsifal“ liegt es mit Gral und Lanze allerdings im argen. Der Speer ist von Oberbösewicht Klingsor geraubt, der Hüter des Grals, König Amfortas, hat sich der „Blutschande“ mit der „fremdrassigen“ Verführerin Kundry schuldig gemacht. Kundry ist nur eine der zahlreichen Verkörperungen des „ewigen Juden“ Ahasver in Wagners Werk; der unverbesserliche Ahasver, der, wie es die Legende will, den Heiland auf dessen Leidensweg verhöhnte und sich dadurch den Fluch der Unsterblichkeit zuzog, nach Wagner inzwischen aber sehnsüchtig der „Erlösung“ durch das Schwert des Helden harrt. Amfortas siecht nach dem Gefecht mit Klingsor an einer nicht heilenden Wunde dahin; durch die „Blutvermischung“ mit Kundry hat er den heiligen Gral entweiht. Parsifal macht sich nun mit seinen treuen Tempelrittern auf, die beiden geschändeten Symbole wieder zu vereinigen. Klingsor schleudert die Lanze nach ihm, doch Parsifal fängt sie wie mit Zauberhand auf, und im Gegensatz zu Siegfried, der mit dem Schwert auf die Rassenfeinde einschlug, genügt Parsifal eine einzige Geste mit der heiligen Lanze, dass Klingsor mit seinen Schergen zum Teufel geht. Selbstverständlich wiedersteht der keusche Parsifal auch den Lockungen der Kundry und führt sie endlich der ersehnten „Erlösung“, nämlich dem Tode, zu. Nun, da Gral und Lanze, wie die Swastika uralte Symbole, wieder vereint sind, ist es an der Zeit, neue Menschen zu machen. Der männliche, phallische Speer drängt zur Vereinigung mit dem weiblichen, passiven Gral, der symbolische Akt bedeutet die geistige Wiederauferstehung des Heilands, die Welt wird mit „neuen Ebenbildern Gottes“ erfüllt. Damit wird Wagners Oper endgültig zur Verkündigung einer neuen, ariogermanischen Religion. Im „Parsifal“ ist der Sieg über die jüdischen Untermenschen total. Die Erfüllung von Wagners Anspruch auf den Staat als Gesamtkunstwerk ist darin vorweggenommen. Hitler war begeistert.


Einige seiner Zeitgenossen bezeichnen Hitler als von Wagner „besessen“. Zwar schweigt er in Mein Kampf auffällig über sein Vorbild. Aber ob „Lohengrin“, der „Ring“ oder gerade „Parsifal“ - Hitler verblüfft seine Umgebung immer wieder mit seinen profunden Kenntnissen der Werke Wagners. Ganze Opern kennt er Note für Note und Wort für Wort. Seit frühester Jugend ist Hitler glühender Wagnerianer; August Kubizek überliefert uns Schwärmereien und Tagträume des jungen Hitler zu den Opern seines Idols. Wagners Opernwelt wird durchaus im Sinne ihres Erfinders zur scheinbaren Realität ihres Anhängers. Der Diktator Hitler bedient sich bei seinen Massenveranstaltungen wirksamer, übersteigerter Bühneneffekte, die im Grunde an die berühmten Wagner-Inszenierungen von Gustav Mahler und Alfred Roller an der Hofoper in Wien erinnern, welche sich Hitler zu seiner Zeit nicht entgehen ließ. Wie das Publikum der Bayreuther Festspiele wurden Millionen von Menschen auf den Reichsparteitagen unter den Klängen von Wagner und der ausgesuchten Choreographie Hitlers in Massenekstase versetzt.


Wagner selbst hielt zeitlebens Ausschau nach einem potentiellen Vollstrecker seiner Vision. Sein langjähriger Kandidat Ludwig II. begnügte sich sehr zum Unwillen des Meisters damit, allein in der Bühnenkulisse seiner Schlösser der Traumwelt nachzuhängen, ohne selbst zur Tat zu schreiten. Doch im „Weihetempel“ des Bayreuther Festspielhauses, dem ganz allein die Aufführung des „Parsifal“ vorbehalten war, wurde im Laufe der Jahre einer ganzen Reihe von „Eingeweihten“ die Kernaussage von Wagners Werken unter der Tarnung der gelehrten Spitzfindigkeiten klar. Bis zu Wagners Tod 1883 entstand eine konspirative Gruppe von beträchtlichem Einfluss. Zum Zwecke der Ausbreitung der Lehre gründete Wagner die „Bayreuther Blätter“, die Volksverhetzung auf dem schmalen Grat zur Staatsfeindlichkeit boten. Der „Bayreuther Kreis“ gewann nach dem Tod des Meisters unter der Führung der Witwe Cosima noch deutlich an Macht. Mit starker Hand baute sie den antisemitischen Geheimbund zu einer straffen Organisation mit Zweigstellen in ganz Deutschland aus. Es gibt Autoren, die heute unabhängig voneinander Personen nennen, die offenbar Mitglieder und Förderer sowohl der „Bayreuther“ als auch der „Thule-Gesellschaft“ in München waren.[7]  Der Kern der Lehre vom Gral wurde streng gehütet und war nur den höchsten Eingeweihten, Cosimas „Gralsrittern“ zugänglich. Mochte die Welt den „Parsifal“ ruhig für ein humanistisches Rührstück halten - für eine ungestörte Wühlarbeit im Untergrund des Reiches war das nur von Vorteil. Hauptanliegen der Vereinigung blieb nach wie vor die Suche nach dem starken Mann. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs hatte der damalige Vertraute Cosimas und Chefideologe der „Gralsritterschaft“ Chamberlain, ein gebürtiger Brite und im Kaiserreich hochangesehener Philosoph, sogar kurzzeitig Kaiser Wilhelm II. im Visier; er wurde vom Lauf der Geschichte jedoch enttäuscht. Doch dann kam Hitler. Für Chamberlains Absichten war er geradezu ideal, mit seiner armseligen Biographie, mangelnden Bildung und um so größeren Fanatismus erschien er tatsächlich als eine Art Parsifal. Ab 1923 stand Hitler in engstem Kontakt mit den Nachkommen Wagners in Bayreuth. Sowohl Hitler als auch die Wagners waren endlich fündig geworden. Hitler würde zum Vollstrecker von Wagners Vision, er würde Wagners Bühnenzauber in die Wirklichkeit tragen. In den kommenden Jahren erhielt der Habenichts Hitler massive Unterstützung von der Verschwörergemeinde, und das in jeder Hinsicht. 1924 durchbrach die Familie Wagner die typische Heimlichtuerei und stellte sich in einem offenen Brief eindeutig hinter den in Landsberg inhaftierten Putschisten Hitler. Einige Jahre später wurden die „Bayreuther Blätter“ eingestellt. Ihre Aufgabe war erfüllt, der Messias war entdeckt. - Hitler wies darauf hin, dass in Wagners Werken das gesamte Wesen des Nationalsozialismus enthalten sei, und der „Parsifal“ stellte auch für Hitler das innere Heiligtum seiner Weltsicht dar.


 


 


X.


 


Namen wie Lanz, List und Hörbiger spielen in den Hitler-Biografien von John Toland über Joachim C. Fest bis Ian Kershaw keine Rolle. Nur Brigitte Hamann widmet diesen Vordenkern Hitlers ein ganzes Kapitel in ihrem wirklich bemerkenswerten Buch. Die seriöse Geschichtsschreibung scheut und unterschätzt gerade den Aspekt der nationalsozialistischen Weltanschauung, für den diese Namen stellvertretend sind. Stattdessen nimmt sich eine Reihe von Autoren des Themas an, die in etwa folgende Hauptthese formulieren: Hitler war offenbar davon überzeugt, im Einklang mit Vorsehung und höheren, himmlischen Gesetzen zu handeln; aber nicht er kontrollierte die obskuren Mächte, denen er sich verschrieben hatte, sondern er wurde von ihnen übermannt und wie ein Werkzeug gesteuert. Ich halte diesen Schluss aus mehreren Gründen für nicht besonders relevant. Beispielsweise ist damit die Abwiegelung von Hitlers Hauptschuld an den Verbrechen des Dritten Reiches impliziert. Ferner taugt der historische Kontext nicht zur Beweisführung, ob nun „übernatürliche“, okkulte Kräfte existieren oder nicht existieren.


Eine andere Fragestellung scheint mir hier angebracht und weitaus interessanter. Sie lautet: Woher beziehen die Ideen von Hitlers historisch verbürgten Vordenkern ihre eigenartige Anziehungskraft? Etwa bei der Lehre eines Hanns Hörbiger handelt es sich nicht bloß um ein bizarres Lügengespinst, sondern um ein Sammelsurium von mythischen Vorstellungen und uralten Überlieferungen, die, wie ich zu zeigen versucht habe, bis in die graueste Vergangenheit der Menschheit zurückreichen. Das Netz, das Hörbiger, List usw. spannen, war immerhin so tragfähig, dass der politischen Bewegung des Nationalsozialismus eine quasireligöse Komponente hinzugefügt werden konnte. Hitler war nicht nur der weltliche Herr, sondern auch der Oberguru seiner eigenen „Religion“.


Deshalb ist es nicht bloß ein kluger Schachzug, sondern vor allem naheliegend, wenn sich heute verbotene nazistische Vereinigungen beispielsweise als religiöse Zirkel neu gruppieren, um den Deckmantel der grundrechtlichen „Religionsfreiheit“ zu nutzen. Nur ist es nicht damit getan, die Anhänger solcher regelrechten Sekten als weltfremde Spinner abzutun. Das Sektenwesen ist ein Problem, das nicht durch Ignoranz zu beseitigen ist - in der irrigen Hoffnung, dass die Anhänger solcher „fehlgeleiteter Ansichten“ von selbst „zur Vernunft kommen“. Vielmehr gilt es herauszufinden, was eine große, stetig wachsende Zahl von offenbar intelligenten, allem Anschein nach gefestigten Menschen dazu veranlasst, sich der einen oder anderen Sektenideologie zu verschreiben. Hier liegt nun einmal die Vermutung nahe, dass nicht alles vom Charisma der Führer oder derer beredter Heilsversprechungen abhängt, sondern auch von den mythischen Motiven und Vorbildern, die sie zitieren. Und exakt unter diesem Gesichtspunkt werden Aufstieg und Herrschaft der Nazis bislang nicht ausreichend beleuchtet.


 


 


XI.


 


Vom Führer und Reichskanzler Hitler ist uns überliefert, er sei ein Mann mit vielen Gesichtern gewesen. Zwei einander scheinbar widersprechende Wesenszüge waren allerdings charakteristisch für sein politisches Handeln. Einmal gab es da den Langschläfer Hitler, der sein Bett selten vor der zwölften Stunde verließ und der seine Pflichten und Geschäfte dementsprechend vernachlässigt. Ein ungewöhnlicher Reichskanzler, der die ihm vorgelegten Dokumente oft einfach ignoriert, sich kaum mit den Fragen des Tages beschäftigt und sein Kabinett anfangs sehr unregelmäßig, später freilich überhaupt nicht mehr einberuft. Zum anderen verfällt Hitler aber dann in rastlose Tätigkeit, wenn ihn die Inspiration überkommt: Der Künstler-Politiker des wagnerschen Gesamtkunstwerks tritt zutage. Dann wirkt Hitler nervös und fahrig unter dem enormen Erwartungsdruck, unter den er sich selbst gesetzt hat. Der Führer verkündet dabei seine Visionen; bei ihrer Umsetzung in die Realität lässt er seinen Schergen mitunter erstaunliche Interpretationsfreiheit. Doch nachweislich sind offenbar sämtliche Maßnahmen der Nazis im Kern auf Äußerungen Hitlers zurückzuführen. Hitler lebt in der Angst, seine beiden großen Ziele, die Ausrottung der Juden und, damit verflochten, die Erringung der Weltherrschaft, zu seinen Lebzeiten nicht abschließen zu können. Da er, der Möchtegern-Messias, Vorhaben globalen Ausmaßes anders als es die Vernunft gebietet seiner Lebenszeit unterordnet, kann es ihm mit dem Krieg nicht schnell genug gehen. Er äußert sogar, im Grunde habe es ihn tief enttäuscht, dass England und Frankreich ihm 1938 in München alle Forderungen haben durchgehen lassen - denn dann hätte er den Krieg schon ein Jahr früher haben können.


Während der Blitzsiege an den Fronten des Weltkriegs reiften in Berlin die Pläne für eine andere herkulische Anstrengung, nämlich die geistige Umkrempelung der Deutschen. Für den, der Hitlers Wurzeln kennt, sind diese Pläne freilich nicht überraschend. In den zwanziger Jahren zögerte Hitler noch, den Nationalsozialismus als Religion auszugeben, eine Reformation im Geiste des Nationalsozialismus sei, so fürchtete er, zu zeitaufwendig. Sein 1924 in der Landsberger Festungshaft entstandenes Buch Mein Kampf nimmt zwar den Massenmord an den „hebräischen Volksverderbern“ in erschreckender Deutlichkeit vorweg, und auch die Kriegslüsternheit Hitlers tritt darin unverhohlen zutage, doch über Ursprung und eigentliche Zielsetzung seiner Bewegung schweigt sich der Autor aus. Seine Propagandaschrift bezeichnet er Jahre später als „Fehler“, eben darum, dass der Völkermord an den Juden nahezu unverhüllt angekündigt wird. Daraus zieht er die Lehre, ähnlich schreckliche Geheimnisse weiterhin für sich zu behalten; er beschloss, nach seinen eigenen Worten, den Untergebenen grundsätzlich nur so viel zu enthüllen, als es für seine Zwecke nützlich sei, und selbst seinen engsten Vertrauten nur das Nötigste einzugestehen.


 „Der Stufencharakter der Einweihung in verborgene Ziele“ war nach Rauschning das „eigentliche Geheimnis“ der Nazihierarchie. Andererseits bezeichnete Hitler schon Mein Kampf als „Buch für die Masse“. Das Protokoll einer Sitzung vom 14. August 1943 liest sich aber wie der geistige Extrakt der verqueren Lehren von Hitlers Vorbildern: „Sofortige und bedingungslose Abschaffung sämtlicher Religionsbekenntnisse nach dem Endsieg und zwar nicht nur für das Gebiet des Großdeutschen Reiches, sondern auch für sämtliche befreiten, besetzten und annektierten Länder (...) mit gleichzeitiger Proklamierung Adolf Hitlers zum neuen Messias.“ Davon sollen vorerst „aus politischen Erwägungen (...) der mohammedanische, buddhistische sowie der Shintoglaube“ ausgenommen werden. „Der Führer ist dabei als ein Mittelding zwischen Erlöser und Befreier hinzustellen - jedenfalls aber als Gottgesandter (...). Die vorhandenen Kirchen, Kapellen, Tempel und Kultstätten der verschiedenen Religionsbekenntnisse sind in <Adolf Hitler-Weihestätten>[8] umzuwandeln.“ Die theologischen Fakultäten der Universitäten sollen ferner auf die Führerreligion eingeschworen werden und „besonderes Gewicht auf die Ausbildung von (...) Wanderpredigern (...) legen, die sowohl im Großdeutschen Reich, als auch in der übrigen Welt die Lehre zu verkünden und Glaubensgemeinschaften zu bilden haben (...).“ Damit nicht genug: „Als Vorbild des Gottgesandten möge die Figur des Gralsritters Lohengrin dienen (...). Durch entsprechende Propaganda müsste die Herkunft des Führers noch mehr als bisher verschleiert werden, so wie auch sein zukünftiger Abgang einmal spurlos und in vollständiges Dunkel zu erfolgen hätte (Rückkehr in die Gralsburg).“ Darunter die handschriftliche Anmerkung Hitlers: „Der erste brauchbare Entwurf!“ Der Führer konnte mit seinen Chefideologen zufrieden sein, fand er, der sich „lachend zu meinem Heidentum“ bekannte, in dem Dokument doch das angelernte „granitene Fundament“ seiner Weltanschauung! Hitler bezeichnete das Christentum als „höchste Form des Judentums“ - nach seiner Logik war die „Ausrottung“ der christlichen Religion „mit Stumpf und Stiel“ also vorprogrammiert.


 Der Kampf gegen die Juden war eben auch ein Kampf gegen die jüdische Religion. Schließlich entschieden gemäß den Nürnberger Gesetzen nicht die angeblich so hervorstechenden Rassenmerkmale über das „Jüdische“ in einem Menschen, sondern allein die Religionsangehörigkeit. Den gelben Stern mussten jüdische Bürger anlegen, um sie überhaupt erst von der „arischen“ Masse unterscheidbar zu machen. Deshalb überrascht es auch nicht, dass die Propaganda der Nationalsozialisten immer wieder auf den Kreuzzugsgedanken zurückgriff. Das Plakat, das Hitler in Heldenpose mit schimmernder Rüstung, mit Schild und Speer zeigt, enthüllt von dessen Selbstverständnis wahrscheinlich mehr als alle anderen Propagandamachwerke.


 


 


XII.


 


Um Hitler in seiner Heilandsrolle zu etablieren, bedienten sich die Nazis unterschiedlichster Mittel. Goebbels´ unausgesetzte Propaganda war dabei ein berüchtigtes und höchst wirksames Werkzeug, denn der talentierte Demagoge bediente sich subtilen psychologischen Raffinements. Zitat Goebbels: „...die Absicht [der Propaganda] muss so klug und so virtuos kaschiert sein, dass der, der von dieser Absicht erfüllt werden soll, das überhaupt nicht bemerkt.“[9] Hitler selbst legte großen Wert darauf, Wagners Vision zu verwirklichen und Deutschland in eine Festspielbühne zu verwandeln. Die Entwürfe des Hobbybühnenbildners sollten, ausgeführt vom Intimus und Leibarchitekten Albert Speer, die monumentale Kulisse für das inszenierte Drama abgeben: Fünfzig reichsdeutsche Großstädte sollten bis Mitte der fünfziger Jahre von Grund auf umgestaltet werden. Die Prachtbauten waren gekennzeichnet von Hitlers üblicher Gigantomanie, alle bestehenden Rekorde in Länge, Breite und Höhe sollten übertroffen werden. Der Bühnenzauber hatte laut Hitler den Zweck, dem deutschen Volk seine eigene Größe vor Augen zu führen, die es solche gewaltigen Bauwerke hatte hervorbringen lassen; das Schwelgen in der unpersönlichen Mammutarchitektur sollte den Deutschen nicht ein individuelles, sondern kollektives, „völkisches“ Selbstbewusstsein suggerieren. Die dauerhaftesten und feinsten Materialien waren für diese Demonstration gerade gut genug: allen voran Granit, Marmor, Travertin. Eines der Lieblingskinder des Tyrannen war die „Große Halle“ in Berlin. In Hitlers monströsem Sakralbau, seiner „Gralsburg“, hätten mehr als 150.000 Gläubige ihrem Heiland in ekstatischen Feiern huldigen können. Der 290 Meter hohe, 250 Meter durchmessende Kuppelbau hätte auf einer Fläche von 38.000 Quadratmetern das siebzehnfache Volumen des Petersdoms enthalten![10]


Heinrich Himmler jedoch sah die Gralsburg an einem anderen Ort. Schon 1934 kaufte der Reichsführer-SS Schloss Wewelsburg, rund zwanzig Kilometer südwestlich der norddeutschen Stadt Paderborn. In Sklavenarbeit mussten Häftlinge eines nahegelegenen, eigens zu diesem Zweck eingerichteten Konzentrationslagers die Anlage ausbauen - der Kriegsverlauf verhinderte die Fertigstellung des gewaltigen Projekts. In dem langgestreckten Hauptgebäude erkannte Himmler Parsifals Lanze. Der ursprüngliche Bergfried bildete das Zentrum der obskuren Kultstätte. In dem mächtigen Turm richtete Himmler ein Observatorium ein, darunter, in der ehemaligen Zisterne, ein Gewölbe, das als Tempel bzw. Ruhmeshalle „Walhall“ zur Meditation gedacht war. Inmitten des kreisrunden Raums mit seiner außergewöhnlichen Akustik befindet sich ein Marmorbecken, in dem ein Zentralfeuer „nordischen Geist“ beschwören sollte. Um diese „Waberlohe“ ringen sich zwölf Sockel, die für die ranghöchsten SS-Leute bestimmt waren. Abgesehen davon, dass die gesamte Anlage als geistig-weltliches Zentrum der SS konzipiert war - mit Konferenzräumen, dem „Hohen Gericht“ der SS und Luxusquartieren für Nazigrößen - war die Einrichtung einer Art Eliteschule für Jugendliche vorgesehen. Hier sollte dem Nachwuchs die Rassentheorie eingetrichtert werden; ferner stand das Studium der Germanenkunde, Runenkunde und Astrologie auf dem Programm.


 Von Hitler, Goebbels und dem esoterikbegeisterten Himmler wissen wir, dass sie sich selbst aktiv mit Astrologie beschäftigten. Offiziell spottete Hitler zwar über das „Kräuterwissen“ seines Getreuen Himmler. „Wehe, wenn aber durch das Einschleichen unklarer mystischer Elemente die Bewegung (...) unklare Aufträge erteilt.“, so Hitler 1938[11]. Dabei pflegte Hitler selbst „mystische Elemente“, sogar in den Massenveranstaltungen wie den Reichsparteitagen mit der mystischen „Fahnenweihe“, bei der er auf Tausende von Standarten durch Berührung seinen angeblich göttlichen Segen übertrug. Bei den Meinungsverschiedenheiten dürfte es sich um verschleiernde Scheingefechte gehandelt haben; es ist unwahrscheinlich, dass Himmlers Projekte ohne die Billigung des allmächtigen Führers angegangen wurden. Denn unterdessen rüstete Himmler Expeditionen in die Pyrenäen, das französisch-spanische Grenzgebirge, und nach Zentralasien in den Himalaja aus, ließ nach dem Heiligen Gral suchen und widmete sich ausgiebig weiteren esoterischen und okkulten Steckenpferden[12]; also Themen, die schon in den ideologischen Keimen des Nationalsozialismus angelegt sind. Das kann kaum Zufall sein. Und schließlich log Hitler ja noch Anfang der vierziger Jahre jedem der es hören wollte vor, er suche noch nach einer „humanen“ Lösung der „Judenfrage“, er wolle die Juden am besten nach Madagaskar zwangsaussiedeln. Mit der Wahrheit nahm es Hitler nie besonders genau, wenn er sich zu seinen Plänen äußern sollte.


 


 


XIII.


 


„Ordensburgen“ ähnlich dem Muster der Wewelsburg sollten über das ganze Reich verteilt werden. Dort, wie auf der Ordensburg Vogelsang in der Eifel, wurde die kommende Generation zum, wie Joachim Köhler[13] schreibt, „selbstverleugnenden Dienst an der Rasse und Hass auf das Judentum“ erzogen, sollte die „gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend“, die Hitler forderte, herangezüchtet werden. Im obligatorischen Kultraum im Turm der Schule stand zwischen den Namenstafeln der Märtyrer des Hitler-Putsches von 1923 eine „nackte Heldengestalt“ als Altarbild. Hitler zu Rauschning: „In meinen Ordensburgen wird der schöne, sich selbst gebietende Gottmensch als kultisches Bild stehen.“ Der Orden selbst war nichts anderes als die SS unter der Leitung Heinrich Himmlers. Nach dem Vorbild des Jesuitenordens gegründet, bestimmte Hitler das Auftreten der SS bis ins Detail der schwarzen Uniformen und rituellen Dolche. Mit Gebeten, Treueiden und Kulthandlungen schworen die SS-Angehörigen ihrem neuen Parsifal unbedingten Gehorsam, nur gemäß dem Rassendogma gewachsene, große, kräftige Männer waren bei den Eingeweihten von Hitlers „Blutorden“ (Köhler) zugelassen. Bezeichnenderweise stieß ein Mitglied der Neutempler des Rassisten Jörg Lanz, Karl Maria Wiligut, genannt Weisthor, als „Ordensbeauftragter“ zu der berüchtigten Totschlägerorganisation. Der Zweck dieser verschworenen Gemeinschaft war die Durchsetzung jener Gräueltaten, der Massenmorde, die man der „verjudeten“ Mehrheit nicht zutraute. Auf diese Weise behielt der innere Kreis der Nationalsozialisten den ursprünglichen Geheimbundcharakter der NSDAP bis zuletzt bei, wurde zu jener Minderheit, die laut Guido von List das „Erwachen des ariogermanischen Geistes“ begriff. Für die Zeit nach dem „Endsieg“ war der SS offenbar die Rolle einer Art Priesterschaft zugedacht. Im Zentralheiligtum, der Wewelsburg, wurden schon Eheschließungen begangen, bei denen der Priester lediglich durch einen Offizier ersetzt wurde. Und tatsächlich zeigen Wandgemälde in einem erst seit der Wende wieder zugänglichen Bunker in Berlin den SS-Mann als Priester und Hüter der neuen Weltordnung.


 


 


XIV.


 


Adolf Hitler war kein Politiker, der für ein Programm stand. Die Rechtsstaatlichkeit schaffte er ab und erklärte den Ausnahmezustand des Krieges, den permanenten Kampf gegen das Böse, das Untermenschentum, zur Normalverfassung des „Kriegsstaates“. Nicht an die Vernunft seines Publikums appellierte er, sondern allein an den Glauben. Der dem „Pfad der Vorsehung“ folgende Führer war einfach nicht in der Lage, auf gegebene politische Verhältnisse vernünftig und angemessen zu reagieren. Und wann immer der Versuch gemacht wurde, die NS-Ideologie auf eine „wissenschaftliche“ Basis zu stellen, wurde die Lächerlichkeit des Dogmas vollkommen deutlich, da es sich beim Dritten Reich um nichts anderes als das schonungslose Hereinbrechen des Irrationalen handelte, das sich zudem meisterhaft der animalischen Triebe und düsteren, niederen Emotionen der Menschen bediente, um sie wie Marionetten an ihren Fäden herumzuwirbeln.


Die neue Religion wurde der Welt aber nur stückweise offenbart, man musste sich schon damit bescheiden, den Verkündigungen des Führers blindlings zu glauben und nicht an seiner Unfehlbarkeit, seiner göttlichen Sendung zu zweifeln - und nicht mit dem Leben bezahlen zu müssen. Schließlich war die alleinseligmachende Lehre einzig dem Führer klar. Sowohl die gesellschaftlichen Umwälzungen, die Gebietsansprüche und größenwahnsinnigen Eroberungspläne als auch die massenhaft verübten Verbrechen, welche die Nazis bis 1945 in die Wege leiteten, stellen lediglich die Spitze des Eisbergs dar. Wäre Hitler erfolgreich gewesen, so wäre die Welt von heute sicher nicht mehr wiederzuerkennen. Der Publizist Sebastian Haffner charakterisiert die Naziherrschaft in seinem Buch „Geschichte eines Deutschen“[14] mit treffsicherem Instinkt als Angriff auf die Voraussetzungen des menschlichen Zusammenlebens und die abendländische Wertegemeinschaft schlechthin. Hitler benutzte die Deutschen, ja selbst enge Vertraute, lediglich als Machtinstrument zur Durchsetzung seiner Herrschaftsansprüche. Da ihm allein die Selbsterkenntnis zuteil wurde, maßte er sich das Recht an, die für dumm verkauften Deutschen zu ihrem „Glück“ zu zwingen: „Wer den Nationalsozialismus nur als politische Bewegung versteht, weiß fast nichts von ihm. Er ist mehr noch als Religion: Er ist der Wille zur neuen Menschenschöpfung.“


Dass Hitler sein Tun als gewaltigen kulturellen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit verstand und dieser sogenannte „Fortschritt“ durch die Auslöschung eines Teils dieser einzigen Menschheit herbeigeführt werden sollte, ist die beispiellose, unfassbare und rätselhafte Bestialität des Nationalsozialismus, ist der Wesenszug Hitlers, der nach psychiatrischer Erklärung verlangt. Dadurch erreichte Hitler im nachhinein das genaue Gegenteil von dem, das er beanspruchte. Der Name Adolf Hitler wird das Synonym der Unmenschlichkeit bleiben.








[1] kann von www.verfassungsschutz.de heruntergeladen werden



[2] Brigitte Hamann: Hitlers Wien, München 1996



[3] ebenda



[4] Übrigens soll auch Hitlers Leben, nach seiner eigenen Darstellung, während einer zeitweisen Blindheit eine entscheidende Wende erfahren haben. Mit einer in der Schlacht bei Ypern 1918 erlittenen Verwundung durch Giftgas wird der blinde Hitler ins Lazarett Pasewalk eingeliefert. Dort erlebt er die Revolution: „In den Tagen darauf wurde mir auch mein Schicksal bewußt. [...] Endlich wurde mir auch klar, daß doch nur eingetreten war, was ich so oft schon befürchtete, nur gefühlsmäßig nie zu glauben vermochte. Kaiser Wilhelm II. hatte als erster deutscher Kaiser den Führern des Marxismus die Hand zur Versöhnung gereicht (...). Ich aber beschloß, Politiker zu werden.“


Auffällige Parallelen bestehen zur Bekehrung des Saulus zum Paulus. So überkommt den Christusgegner Saulus eine göttliche Vision, nach der er mit dreitägiger Blindheit geschlagen ist (Apostelgeschichte, Kap. 9). Nach seiner Genesung wird der Geläuterte zum unermüdlichen Streiter für den neuen Glauben. Die Überwindung der Blindheit ist hier vor allem symbolisch bedeutsam: Erst durch die Erkenntnis tieferer Zusammenhänge und Bedeutungen wird der vormals Blinde zum wahrhaft Sehenden.



[5] Brigitte Hamann, Hitlers Wien, München 1996



[6] Joachim Köhler: Wagners Hitler, München 1997



[7] Vgl. Joachim Köhler: Wagners Hitler, München 1997, und E. R. Carmin, Das schwarze Reich, München 1997



[8] Hier trifft man erneut – wie schon bei dem geplanten Observatorium bei Linz – auf eine Art Kultstättenkontinuität. Ähnlich der Christianisierung der heidnischen Germanenstämme, in deren Verlauf die Tempel und heiligen Haine in christliche Kirchen verwandelt wurden, sollte auch hier der Ort der Anbetung unverändert bleiben. Die Bevölkerung sollte hier wie da nicht zu abrupt aus den angestammten Glaubensstrukturen herausgerissen werden. Darüber hinaus liegt die Vermutung nahe, dass die Nazis auch an den „Hitler-Weihestätten“ die besonderen Kräfte nutzen wollten, die nach alter Vorstellung an heiligen Orten walten sollen.



[9] Guido Knopp: Hitlers Helfer, München 1996



[10] vgl. Ralph Giordano: Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg, Hamburg 1989



[11] Guido Knopp: Hitlers Helfer, München 1996



[12] Offensichtlich ließen sich die Macher der beliebten „Indiana Jones“-Filmreihe von diesen Projekten inspirieren.



[13] Joachim Köhler: Wagners Hitler, München 1997



[14] Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen, Stuttgart 2000

25.7.04 15:59





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