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Kolumne, Artikel, Reportagen

Inkontinenz

Inkontinenz – das geheime Volksleiden


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Viele Menschen leiden darunter, niemand spricht darüber. Diese knappe Formel spiegelt die Lage der Menschen wieder, die vom Volksleiden Blasenschwäche, med. Harninkontinenz betroffen sind. Ja, ein Volksleiden ist dieses lästige Problem: allein in Deutschland leben derzeit 5 bis 8 Millionen Menschen mit einer behandlungs- und versorgungsbedürftigen Inkontinenz. Da sich viele inkontinente Menschen nicht einmal ihrem Arzt anvertrauen, ist die Dunkelziffer hoch.


Denn wer „das Wasser nicht halten kann“ kapselt sich häufig mehr und mehr von seiner Umwelt ab, meidet soziale Kontakte. Häufig wissen nicht einmal enge Freunde oder Familienmitglieder von der Situation des Betroffenen. Früher oder später wird diese selbstauferlegte Einsamkeit zu einer weiteren schweren Belastung für die Psyche, Depressionen bis hin zu Suizid können die Folge sein.


Offensichtlich stellt Blasenschwäche eines der letzten echten Tabus innerhalb unserer Gesellschaft dar. Über die alltäglichen Funktionen und Ausscheidungen unseres Körpers spricht man in aller Regel nicht. Schon aus diesem Grund wissen viele Patienten nicht, dass sie mit ihrem Problem weder allein sind, noch dass es eine Vielzahl von diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten gibt, um das Leiden entscheidend zu lindern, ja in vielen Fällen ganz zu beheben. Stattdessen wächst die Unsicherheit und Sorge über dieses eigentlich alltägliche Thema – ein Teufelskreis, der in erster Linie ein gesellschaftliches Problem darstellt.


Grundsätzlich kann Inkontinenz in jedem Lebensalter auftreten. Bedingt durch die natürlichen Prozesse des Alterns sind jedoch vorwiegend ältere Menschen betroffen. Abhängig von Symptomatik und Schweregrad der Inkontinenz spricht man in der Regel von vier verschiedenen Haupttypen, wobei diese untereinander Mischformen bilden können.


Besonders Frauen sind von der sogenannten Stress- oder Belastungsinkontinenz betroffen. Der Urinverlust tritt dabei zumeist bei körperlicher Belastung auf: beim Heben schwerer Gegenstände, schnellen Bewegungen wie Laufen, aber selbst beim Niesen oder Lachen. Bei besonders schweren Formen der Stressinkontinenz fließt der Harn bereits im Liegen oder Sitzen. Ursache dieser Beschwerden kann im Alter eine nachlassende Beckenbodenmuskulatur sein; häufig sind jedoch auch jüngere Frauen betroffen, gerade nach Geburten, die immer eine außergewöhnliche Beanspruchung des Beckenbodens bedeuten. Abhilfe können hier oft einfache gymnastische Übungen für den Beckenboden verschaffen. Ferner kann eine ausgeprägte Stressinkontinenz durch leichte chirurgische Eingriffe behoben werden, übrigens auch im hohen Alter. Aufgrund der Anatomie des männlichen Beckenbodens ist Stressinkontinenz bei Männern kaum anzutreffen.


Eine weitere Kategorie stellt die Dranginkontinenz dar. Zumeist liegt hier eine Übersensibilisierung der Blasenmuskulatur vor. Die Folge ist plötzlich auftretender, oftmals nicht mehr beherrschbarer Harndrang. Die Ursache dieser speziellen Inkontinenzform ist also nicht die Schwäche des Schließmuskels, wie die landläufige Wendung „schwache Blase“ anscheinend nahe legt. Vielmehr liegt meistens eine Grunderkrankung im Bereich des Nervensystems vor. Freilich spielen auch psychische Aspekte mit herein – die sogenannte „Reizblase“ ist hier ein Begriff. Für Reizblasenpatienten setzt quälender Harndrang mit den unterschiedlichsten Stressfaktoren ein, so bei angstbesetzten Situationen oder kalten Füssen. Dranginkontinenz wird in der heutigen Medizin vor allem medikamentös behandelt.


Sind die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Blase unterbrochen so spricht man von einer Reflexinkontinenz. Der Betroffene verspürt dabei weder Harndrang, noch vermag er die Blase willkürlich zu entleeren. Harnabgang erfolgt also ausschließlich auf externe Reize hin. Eine Querschnittslähmung geht häufig mit Reflexinkontinenz einher, doch auch degenerative Erkrankungen wie Multiple Sklerose können für diese Inkontinenzform verantwortlich sein.


Von einer Überlaufinkontinenz sind Männer höheren Alters betroffen. Oft schon ab dem 40. Lebensjahr beginnt die Prostata altersbedingt zu wachsen. Diese in den meisten Fällen gutartige Wucherung kann dazu führen, dass das Prostatagewebe auf die Harnröhre drückt. Infolgedessen kann sich die Blase beim Toilettengang nur mehr teilweise entleeren. Dies zieht wiederum Beschwerden wie häufigen Harndrang und lästiges Nachtröpfeln nach sich. Den Patienten kann durch eine Operation geholfen werden, die heute als unproblematischer und leichter chirurgischer Eingriff gilt. 


Weniger häufig als die Blasen- tritt die Darmschwäche auf. Bei dieser Inkontinenzform ist die Kontrolle über den Darm verlorengegangen. Die Ursachen sind auch hier zumeist in Erkrankungen des Nervensystems zu suchen.


Für Dritte mag es schwer sein, sich in die Psyche von inkontinenten Menschen hinein zu versetzen. Man halte sich vor Augen, dass Inkontinenz nach wie vor einer der häufigsten Gründe für eine Einweisung in ein Alten- oder Pflegeheim ist. Ein doppelter Schlag für viele alte Menschen, von dem sich so mancher nicht erholt: Nicht nur mit dem eigentlichen Problem, auch mit dem abrupten Wechsel des persönlichen Umfelds müssen sie sich auseinandersetzen. Die Zurückweisung durch die Umwelt schürt Minderwertigkeitsdenken und Versagensängste. In der Folge treten nicht selten schwere Krankheiten, rascher geistiger und körperlicher Verfall auf. Denn gerade den älteren Generationen  wurde in der Kindheit eingetrichtert, dass es unanständig und verwerflich ist, sich „in die Hose zu machen“. Bis heute übt die Sauberkeitserziehung der Kinder einen großen Einfluss darauf aus, wie das Thema Inkontinenz öffentlich gehandhabt wird, und nach wie vor wird es von der Öffentlichkeit nahezu ausgeklammert.


Die gesellschaftliche Dimension und die Notwendigkeit der Enttabuisierung wird auch bei einem Blick auf die finanzielle Seite offenbar. Da die gesetzlichen Krankenversicherungen schon heute mehr als zwei Milliarden Euro für die Versorgung inkontinenter Patienten aufwenden, während Experten davon ausgehen, dass sich die Zahl der inkontinenten Senioren in Deutschland bis zum Jahr 2030 verdoppeln wird (Quelle: GIH), droht den Krankenkassen eine Kostenlawine. Medizinische Vorsorge, Aufklärung und möglichst intensive Forschung könnten Abhilfe schaffen, doch erfahrungsgemäß wirkt dem entgegen, dass die Inkontinenz in den Köpfen der Menschen einer Art freiwilligen Zensur unterliegt und somit nicht in öffentlicher Diskussion und öffentlichem Bewusstsein auftaucht. Ein weiterer Teufelskreis zeichnet sich ab.


Inzwischen gibt es eine Reihe von Organisationen, die Patienten und Angehörigen Rat und Hilfe anbieten. Unter dem Dach der Gesellschaft für Inkontinenzhilfe (GIH) wurden in vielen größeren deutschen Städten Selbsthilfegruppen gegründet. Der Service der GIH richtet sich sowohl an Laien als auch Experten; in ihrem bundesweiten Netz von Beratungsstellen nehmen sich Fachärzte und Kliniken der Fragen und Probleme an (Internet: www.gih.de).


Tipps können auch über die Internetpräsenz des Selbsthilfeverbands-Inkontinenz eingeholt werden (www.selbsthilfeverband-inkontinenz.org). Der im September 2002 konstituierte Verein – von Betroffenen für Betroffene – legt einen Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf die Enttabuisierung des Themas Inkontinenz.


Dass Inkontinenz lästig ist, ist gewiss. Einen Grund, sich deswegen zu verstecken, gibt es jedoch nicht. Die Grauzone, in der Inkontinenz bislang thematisiert wurde, ist Teil dieses gesamtgesellschaftlichen Problems. Inkontinente Menschen müssen sich die Teilnahme am öffentlichen Leben nicht versagen. Zahlreiche Hersteller bieten inzwischen breite Paletten von Hilfsmitteln an: von der kleinen Slipeinlage, nicht größer als eine Damenbinde, bis zur hoch saugfähigen Windelhose findet sich für jeden Betroffenen ein passender und diskreter Schutz. Vor dem entscheidenden Schritt zur Linderung steht in jedem Falle noch die Überwindung der Sprachlosigkeit.

30.7.04 10:54


Ihr Kinderlein... (1998)

Die Ministerin für Famile und Jugend Claudia Nolte, CDU, stellte klar, daß Deutschland kein kinderfeindliches Land, jedoch vielleicht der Kinder „entwöhnt“ sei. Doch was meinte die junge Ministerin mit ihrem Orakelspruch? Bezieht sie sich auf den stetigen Rückgang der Geburten im Land, der Kreissäle in Geriatriestationen verwandelt? Demnach wäre Deutschland dann wohl so gelähmt und verbittert wie Hameln nach dem Ausmarsch des Rattenfängers. Man hätte der Kinder dann so lange entbehrt, daß man ihr einstiges Dasein schon vergäße. Oder hat sich Deutschland seiner Kinder „entwöhnt“, wie sich ein Kind sonst der Brust der Mutter entwöhnt? Dann wieder hätte die Gesellschaft die Kinder übergangen, wie sich eine unaufhaltsame Entwicklung von den rudimentären Überbleibseln eines früheren Stadiums emanzipiert. Aber halt, Deutschland ist ja kein kinderfeindliches Land. Nur ist der Nachwuchs für die Erwachsenen offenbar ziemlich suspekt geworden.fficeffice" />


Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß die durchschnittlichen Eltern mit ihrem durchschnittlichen Kind pro Tag kaum eine Viertelstunde sprechen. Das wiederum ist logisch, wenn beide Elternteile arbeiten müssen, um sich den teuren Luxus eines Kindes leisten zu können. Die Erziehung übernimmt dann der Fernseher, oder die Eltern beschuldigen die Schulen des Versagertums, wenn die lieben Kleinen Vereinsamungstendenzen mit Aggression gegen Lehrkörper und Mitschüler abreagieren. Natürlich darf man die Kinder nicht allein lassen, muß ihnen eine Perspektive bieten; in der Politik weiß man das freilich. Deshalb knüpfen Männer wie Bundespräsident Roman Herzog beste Beziehungen zu den Kreisen, die Deutschlands Kindern großzügig die Babysitter, Märchenonkel und Vorbilder ersetzen, nämlich der Unterhaltungsindustrie. Auf Geheiß der Bosse suchen Popstars heute nicht den Aufstand, sondern - buchstäblich - das shakehands mit dem Präsidenten, wobei man sich gegenseitig der guten Zusammenarbeit versichert. Im straff organisierten, allgegenwärtigen und profitorientierten showbusiness sind Individualismus und Kreativität nicht einmal als Abfallprodukte vorhanden. Hauptsache hochglänzend, glatt, hohl, kindgerecht und berechenbar harmlos. Nicht nur, daß Kinder längst ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden sind: Die heißen Träume des Nachwuchses lassen sich in bare Münze umwandeln, und ebenso läßt sich der Rahmen abstecken, an den sich diese Wünsche und Phantasien zu halten haben. Das Establishment hat die Jugend längst für sich vereinnahmt, eine unabhängige, vitale Jugendkultur existiert offenbar nicht mehr. Der uralte Streit zwischen Vätern und Söhnen ist begraben. Es gibt kaum noch Berührungspunkte, die eine echte Auseinandersetzung zwischen den Generationen möglich machen.


Die totale Oberflächlichkeit des Alltags ist es, die Jugendliche heute wieder verstärkt in die Arme radikaler Seelenfänger treibt. Nicht etwa aus Gründen irgendeiner besonderen Ideologie oder typisch deutschen Veranlagung: Die Begründung heißt meistens „weil die sich wirklich um die Jugend kümmern“. Abseits vom allgemein suggerierten kollektiven „Friede, Freude, Eierkuchen“ (Motto der Love-Parade in Berlin) gehen die Extremisten auf die jungen Menschen zu, zeigen Interesse an ihrer Person, sprechen jeden einzeln an - kurz, sie tun genau das, wonach Kinder verlangen, und sie beuten gerade dieses Bedürfnis schamlos für ihre Zwecke aus. Der Vormarsch rechtsextremer Jugendorganisationen und -clubs nimmt bedrohliche Ausmaße an, angeblich sympathisiert nahezu ein Viertel der ostdeutschen Jugend mit braunen Parteien. Mit dem aufstrebenden Radikalismus zeichnet sich ab, daß die Nische einer heilen Welt, in der Kinder in Deutschland abgestellt werden, sich sehr schnell gegen die Gesellschaft richten kann.


Wachsender Politikverdrossenheit und der ungünstigen Lage wegen, was Lehrstellen für Jugendliche angeht (schließlich investiert kein Unternehmen gern in eine Ausbildung, die in fünf Jahren unter Umständen gar nicht mehr gefragt ist), greifen die Parteien im Wahlkampf das Thema Jugend in Deutschland gerne auf. Die regierende Koalition aus CDU und FDP muß sich den Vorwurf der Opposition gefallen lassen, verantwortlich für fehlende Lehrstellen und wachsende Armut unter Kindern und Jugendlichen zu sein. Der jüngst veröffentlichte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung schätzt die Lage zur großen Bestürzung der Regierung Kohl ganz ähnlich ein; zwar fußen die Berechnungen der Experten auf durchaus fadenscheinigen Voraussetzungen, doch in der SPD reibt man sich dennoch schadenfroh die Hände. Die eingangs erwähnte Äußerung der Ministerin Nolte soll die Schmähreden der Opposition abwimmeln. Frau Nolte relativiert damit das - ihrer Meinung nach falsche - Urteil des Berichts, daß immer mehr Kinder in Deutschland in Armut lebten, im Osten nahezu 22%. Da diese Zahlen jedoch in der Tat höchst zweifelhaft und die Aussagen des Berichts in puncto Jugendarmut damit mehr oder weniger hinfällig sind, gab die ins Kreuzfeuer der Kritik geratene Ministerin ihren eigenen Autoren eine Nachhilfestunde in Sachen Sozioökonomie. Mit den lautstarken Anfeindungen zwischen Opposition und Regierung verhält es sich wie mit dem Streit um des Kaisers Bart - oder? Großes Pech für die CDU ist jedoch, daß der Kinder- und Jugendbericht ihrer liebgewonnenen Parole von wachsender Kriminalität unter Ausländerkindern heftig widerspricht: Davon könne in Wahrheit keine Rede sein.

Kindheit in Deutschland ist eine gute Kindheit, meint Claudia Nolte. Immerhin ist das Thema gut genug, um in der „heißen Phase“ des Wahlkampfes ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt zu werden, ehe es wieder ins Schattendasein versinkt.
26.7.04 14:16


Wahlkampf ´98

Im Wahlkampf 1998 weht ein anderer Wind. Ohnehin war der Wahlkampf noch nie die Stunde der Aufrichtigen. Beim Programm des politischen Gegners die Achillesferse bloslegen, die Schwachstelle in der eigenen Argumentation mit guter Miene und bösem Spiel bemänteln, dies ist das traditionelle Handwerk der Populisten zu Wahlzeiten. Daß im Vorfeld von Wahlen gelogen wird, ist nicht neu; neu hingegen ist die befremdende Geschlossenheit, mit der über alle Parteigrenzen hinweg unangenehme Fakten verschwiegen werden und Deutschland im Glorienschein einer phantastischen Zukunft gemalt wird. Motto: Allen wird es besser gehen, niemandem schlechter.fficeffice" />


Angefangen hat alles mit Gerhard Schröder. Der Kanzlerkandidat der SPD hat in den letzten Jahren etwas bewegt, hat die in Deutschland herrschende Auffassung von Politik und ihren Machern verändert. Er ist der Prototyp jener neuen Generation von Politikern, die am 27. September von den Wählern bestätigt werden will. Mit bemerkenswerter Konsequenz gelingt es Schröder und seinem Team auch jetzt noch die Illusion aufrechtzuerhalten, er habe mit den Niederungen des politischen Alltags nichts zu tun, er stehe über den Dingen. Alles zu sagen und sich dabei nicht zu äußern ist die Art, die Schröder in Bonn und Berlin populär gemacht hat. Seine Fähigkeit, je nach Bedarf jeden beliebigen politischen Standpunkt zu vertreten, dabei Hiobsbotschaften zu verschweigen, noch dazu erfolgreich und gutaussehend in jedem Blitzlichtgewitter zu sein wurde zu dem Rezept, nach dem nun auch die Konkurrenz ihr Süppchen kocht.


Die Kunst dabei ist, dem Wähler nicht den Appetit zu verderben. Die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen, die schon in naher Zukunft Deutschland erreicht haben werden, machen das umfangreichste Reformwerk in der Geschichte der Bundesrepublik unumgänglich. Ob dabei in Zukunft die Arbeitslosigkeit zurückgedrängt werden kann oder ob sie noch anwächst, ist ungewiß. Zweifelhaft auch, ob die Bedrohung durch Armut bald nicht sogar akut wird. Neue Belastungen zeichnen sich ab, die nach dem Besitzstand der Bürger greifen. Und der will vor allem eines: seinen Besitz wahren.


Noch nie empfand die deutsche Bevölkerung Steuern, Abgaben und Preiserhöhungen so sehr als ein rotes Tuch. Gleichwohl sind sich die Parteien in seltener Harmonie darüber einig, daß weitere Belastungen unumgänglich sind - nur verraten dürfen sie das niemandem. Die Grünen mußten zu ihrem Leidwesen erfahren, was mit einer Partei geschieht, die die Wahrheit sagt: Ihre unverblümte Forderung nach Benzinpreisen von fünf DM pro Liter, neben einem strengen Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen, zerstörte die Aussicht auf einen Wahlsieg innerhalb weniger Tage. Nach Umfragen liegen die Grünen nunmehr bei katastrophalen drei Prozent, während inzwischen selbst Experten aus der CDU - hinter vorgehaltener Hand - bestätigen, daß das Konzept der Grünen prinzipiell richtig und notwendig gewesen sei. Die Programme politisch ursprünglich gegensätzlicher Kräfte gleichen sich mitunter bis zur Ununterscheidbarkeit.


Aus dem Debakel der Kleinpartei zogen alle anderen Lager ihre Lehren - und begaben sich ihrerseits auf die Linie des Schröderianismus. Das heißt größte mögliche Publikumswirksamkeit bei minimaler Aussagekraft. Vom argumentativen Wahlkampf hat man längst Abschied genommen, nicht nur bei SPD und CDU, sondern bei allen Parteien.


Die Parteigrenzen verwischen, der Wahlkampf findet jenseits von Begriffen wie Rot und Schwarz, Gelb und Grün, links und rechts statt. Weil Worte unbequeme Tatsachen enthüllen könnten, dominieren die Bilder. Politiker in Rednerpose, in Seifenopern, am Steuer von Rennwagen oder an Fallschirmen - nur unbedachte Äußerungen wie Schröders Andeutung einer „Mindeststeuer“ können das Idyll vom großen Pfadfinderlager der Parteien trüben. Dann wird gemeinsam über den Übeltäter hergefallen, bis der eilfertig versichert, alles ganz anders gemeint zu haben. Aber der Weg ins gelobte Land ist natürlich nur mit UNS möglich. Abhängig ist der Wahlsieg nicht von Inhalten, sondern von der Inszenierung. Endgültig hat sich in Deutschland die Art des Wahlkampfes etabliert, die in den USA eine lange Tradition hat. Der Politiker ist ein Entertainer, ein Schauspieler geworden, dessen Maske nicht verbirgt, sondern ein Image darstellt. Das Team der Wahlkampfexperten hat nicht vorrangig die Aufgabe, argumentative oder organisatorische Unterstützung zu leisten, sondern übernimmt die Funktion des Maskenbildners, der das Image des Hauptdarstellers vor dessen großen Auftritten formt und bestimmt. Einziger Zweck der Aufführung ist es, die Partei vor der Unberechenbarkeit der Wähler zu schützen; der Bürger will nicht verstimmt, sondern unterhalten werden.


Folgerichtig berief Bundeskanzler Helmut Kohl den früheren Chefredakteur des größten deutschen Boulevardblattes „Bild“, Tiedtje, zu seinem persönlichen Berater im Wahlkampf, um seinen angekratzten Ruf aufpolieren zu lassen. So leicht läßt sich ein Gerhard Schröder jedoch nicht die Butter vom Brot nehmen. Es ist schließlich der Meister der selbstsicheren Pose, dem das Verdienst zukommt, nicht Deutschland, immerhin aber den Wahlkampf gründlich reformiert zu haben. Und diese Reform wurde vom Volk bisher dankend angenommen.


 


 

26.7.04 14:08


Das Kreuz mit dem Castor (1998)

Peinlich für die Lobby der Atomenergie, peinlich für die Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU), und eine Offenbarung für Oppositionelle im Wahlkampf und Greenpeace-Streiter: Die Castoren, die Behälter zum Transport gebrauchter Kernreaktor-Brennelemente zwischen Kernkraftwerken und Aufbereitungsanlagen, strahlen eben doch. Jahrelang waren die Gifttransporte zu LKW und Eisenbahn bundesdeutscher Alltag, ebenso wie die regelmäßigen bürgerkriegsähnlichen Zusammenstöße zwischen Tausenden von leidenschaftlichen Kernkraftfeinden und den Heerscharen der eskortierenden Polizisten. Die militanten Lebensschützer sehen sich nach dem Motto „Was haben wir euch gesagt?“ bestätigt, die Polizeigewerkschaft beschwert sich, daß ihre Leute bei den Einsätzen an den rollenden Zeitbomben von Staat und Energieerzeugern „verheizt“ worden seien. Jedenfalls wußten deutsche Kernkraftwerksbetreiber seit Jahren, daß der Slogan „Castor heißt Vertrauen“ lediglich ein Opiat gegen den Zorn der Volksseele sein kann.fficeffice" />


Die mit dem Transport des strahlenden Mülls betrauten Firmen, Institute und Behörden ebenso wie deutsche Kernkraftwerksbetreiber handelten gemäß dem alten äffischen Prinzip: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Zwar wußte man in Frankreich, Ziel zahlreicher Castor-Transporte, seit mindestens zehn Jahren um die radioaktive Kontamination Dutzender von Behältern. Doch erst 1997 forschte die französische Atomenergiebehörde nach, wurde prompt in La Hague fündig und setzte das Bonner Ministerium für Umweltschutz, Merkels Ressort, in Kenntnis. Unterdessen hatten französische Experten von Zeit zu Zeit und wie beiläufig die deutschen Kernkraftwerke angeblich nur mündlich über die zum Teil um ein Vielfaches überhöhten Grenzwerte informiert. Die deutschen Betreiber und Sicherheitsexperten hielten dies offenbar für nicht der Rede wert. Die Vorstandsebene der Energieerzeuger beteuert, von ihren Kraftwerken nicht aufgekärt worden zu sein; angeblich schwieg man auch gegenüber den zuständigen Landes- und Bundesbehörden.


Als wahrscheinlichste Ursache der Kontamination gilt radioaktiv verseuchtes Restwasser an der Außenhülle der Behälter, das auch durch die intensive Reinigungsprozedur nach dem Zuladen der Brennstäbe unter Wasser nicht entfernt werden konnte. Punktuell wird der gesetzlich zulässige Grenzwert der radioaktiven Strahlungsteilchen von 4 Bequerel pro Quadratzentimeter deshalb bis zu einem vieltausendfachen Wert überschritten. Physiker warnten schon zu Beginn der achtziger Jahre vor diesem Risiko. Daß die Kritiker nicht erhört wurden, ist mit ein Grund, daß man Angela Merkel Schlamperei unterstellt.


Die Ministerin beteuert, sie habe erst Ende April 1998 von den Vorfällen erfahren. Alles Lüge, behauptet die politische Opposition. Im Bundestag beschimpften SPD und Grüne Merkel als Handlangerin der Atomlobby. Das Ministerium sei seit langem in Sachen Castor im Bilde gewesen. In der Tat stellte sich die studierte Physikerin bisher demonstrativ vor die Atomindustrie, fungierte als deren Sprachrohr, wenn es um Sicherheitsfragen ging. Jetzt fühlt Merkel sich von der Atomwirtschaft hintergangen. Aus diesem Grund und um den Vorwürfen der Oppositionellen zu begegnen, die schon lauthals den Rücktritt der Ministerin forderten, ließ sie bis auf weiteres alle Castor-Transport im In- und ins Ausland stoppen, geht sie öffentlich mit den Industriellen ins Gericht wie nie zuvor. Hastig stellte sie ein Programm zusammen, um wenigstens einen Teil des verlorenen Vertrauens wiederherzustellen. Ihr Plan sieht naheliegende Konsequenzen wie verbesserte Sicherheitsvorkehrungen, eine vollständige Erforschung der Zwischenfälle und - verständlicherweise - die Einführung einer Meldepflicht für betroffene Unternehmen vor. Erst wenn alle Bedingungen erfüllt seien, werde sie weitere Transporte gutheißen.


Als Druckmittel im Wahlkampf kommt die ganze Affäre und die Situation der Ministerin der SPD und den Grünen freilich sehr gelegen. Beide Parteien sehen sich in ihrer Forderung nach schrittweisem bzw. totalem Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Kernkraft bestätigt. Die Grünen bekommen die Gelegenheit, in ihrer Lieblingsrolle der Öko-Partei auf Stimmenfang zu gehen - entsprechend heftig fielen die Attacken im Bundestag aus. Auch außerhalb des Parlaments wird die Debatte mehr emotional denn objektiv geführt. Denn anders als in England oder Frankreich steht die Kernenergie gerade in Deutschland und Österreich seit Jahren in einem überaus schlechten Ruf. Um Aufbereitungsanlagen und Kraftwerke lieferten sich Behörden und Gegner mitunter jahrelange Kleinkriege, bei denen sachliche Argumente oft auf der Strecke blieben. Auch in der jetzigen Affäre verbreiten die Beteiligten mehr Weltanschauungen denn harte Tatsachen. Übersehen wird, daß der eigentliche Skandal nicht im Freiwerden der Strahlung, sondern in der Heimlichtuerei der Atomindustrie besteht. Absurde, nicht nachprüfbare Rechnungen über Strahlungsmengen und ihre Gefährlichkeit werden eröffnet. Tausende von Polizisten wurden bei der Eskortierung der Castoren vorsorglich mit Meßgeräten ausgestattet - nicht ein einziges registrierte ein gefährliches Strahlungsniveau. Und welche Art der Strahlung liegt überhaupt vor? Alpha-, Beta-, Gamma- oder gar Neutronenstrahlung? Welche Personen hielten sich wie lange in welcher Entfernung von den Containern auf? Welche Körperteile wurden bestrahlt? Wie hoch war zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort die natürliche Strahlung, die von der Bodenbeschaffenheit, der Atmosphäre, den Sonnenflecken etc. abhängig ist? Sind die beiden Leukämiekranken in der Nähe des Güterbahnhofes wirklich Castor-Strahlenopfer oder lassen sie sich statistisch erklären? Strahlt die Außenhülle der Waggons, das Material selbst oder Staubteilchen? Diese und weitere Fragen müssen geprüft werden, wenn es um die Gefährlichkeit der Transporte an sich geht. In der Hitze der öffentlichen Diskussion finden sie keine Berücksichtigung.


Der wirkliche Skandal beruht allein darauf, daß der deutschen Öffentlichkeit seit Jahren wider besseren Wissens und wider geltendes Recht weisgemacht worden ist, die Castoren böten einen narrensicheren und sauberen Weg, radioaktives Material durch halb Europa zu schicken. Das war gelogen. Und der daraus resultierende Vertauensverlust der Menschen gegenüber Behörden und Atomindustrie ist völlig zu Recht enorm. Zudem stellte sich wenige Tage nach der Bekanntgabe der französischen Meßergebnisse heraus, daß auch in den deutschen Zwischenlagern Ahaus und Gorleben kontaminierte Behälter eingetroffen sind. In letzter Konsequenz könnte den Betreibern der Kernkraftwerke der Lizenzenzug drohen - und schließlich ist auch das ist ein Weg zum Ausstieg aus der Kernenergie.

26.7.04 14:05


Das Recht auf Berieselung (1997)

In einer ihrer jüngsten Ausgaben vom April dieses Jahres mokierte sich die auflagenstarke deutsche Programmzeitschrift „TV Spielfilm“ darüber, daß, eine Umfrage hatte es ergeben, die Deutschen ein Volk von Werbungsmuffeln sind. Die große Mehrheit der Befragten fand die tägliche Gehirnwäsche einfach unerträglich. Und nach anderen Quellen hatten Meinungsforscher bei weiteren, unabhängigen Umfragen ermittelt, daß angeblich bis zu 99% (!) der Befragten die Reklame-Sintflut ablehnten. Es ist nämlich die Angewohnheit der zahlreichen deutschen Privatsender, Filme ohne Sinn für Dramatik und Handlungsablauf mit Werbepausen willkürlich zu zerstückeln. Mit der einzigartigen Doppelmoral der Sendeanstalten werden Spielfilme unter Berufung auf den gegen die Gewalt im Fernsehen erhobenen Zeigefinger rücksichtslos gekürzt, um die Lücken mit Reklame zu stopfen - während man andererseits mit grauenerregenden, dokumentarischen Machwerken wie „Menschen in Lebensgefahr“ die Sensationslust der Zuschauer schürt und auf Quotenfang geht. Bisher mußten sich die Sender nur in Einzelfällen für diese Programmpolitik vor Gericht verantworten. Abgesehen davon goß der SAT 1-Programmchef Fred Kogel jetzt mit einer unverblümten Ankündigung Öl ins Feuer. Was war geschehen?fficeffice" />


Forschungen über die Zusammensetzung des Publikums verschiedener Sendungen und Serien hatten ergeben, daß ganz bestimmte Beiträge in der Hauptsache von Menschen jenseits des 49. Lebensjahres gerne und oft gesehen werden. Hohe Einschaltquoten hin oder her, die im Fernsehen werbenden Konzerne und Unternehmen reagierten alsbald. Ältere Menschen, so die Wirtschaftsvertreter, seien weniger kauffreudig als die junge Generation, deshalb sprächen sie auf Fernsehwerbung generell weniger an. Da die Privatsender nun einmal in erster Linie von den Zahlungen abhängig sind, welche die Hersteller leisten, um ihre Produktwerbung im Fernsehen unterzubringen, und das Privatfernsehen wie alle privaten Betriebe auf Gewinnmaximierung aus ist, bedeutet das, daß die älteren Semester fürs Fernsehen unrentabel werden. Vor dem Aspekt, möglichst viel Werbung an möglichst viele Kaufsüchtige heranzutragen, ist also selbst die Jagd nach den Einschaltquoten lediglich von zweitrangiger Bedeutung. Fernsehsendungen haben im Privatfernsehen nicht den Zweck, Menschen zu unterhalten oder zu informieren: Ihr einziger Sinn ist der Transport von Reklame. Und wenn die Werbung niemanden interessiert, wird auch die Sendung selbst hinfällig. Deshalb nimmt SAT 1 laut Programmchef Kogel mehrere bei älteren Menschen beliebte Beiträge unter dem Druck der Wirtschaft aus dem Programm, um Platz für Konzepte zu machen, die auf die Sehgewohnheiten von post-pubertären Jungspünden zugeschnitten sind. Diese sind zwar entweder arbeitslos oder haben ein niedrigeres Einkommen, aber sie sitzen nicht wie die mittelständischen, alten Geldsäcke auf ihrem Kapital; zumindest sagen sich das die Wirtschaftsbonzen und Programmplaner. Denn ohne Zweifel liegt das meiste Kapital, also die größte Kaufkraft, in den Händen mittelständischer, satter Eigenheimbesitzer jenseits der Vierzig. Nur tut sich die Werbung bei den jungen Menschen, die bereits mit der perfekt organisierten Medienwelt aufgewachsen sind, viel leichter, künstliche Bedürfnisse und Wertmaßstäbe zu suggerieren. Ihnen wird die einprägsame Melodie der Lieder aus der Reklame zum neuen Volkslied, „Beck´s“ Bier zum Kult der Fußballabende vor der Glotze. Willkommen in der schönen neuen Werbe-Welt, die den Kauf eines Autos als entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Selbsterfahrung besingt!


Die Qualität der betroffenen Sendungen sei einmal dahingestellt. Der Sturm der Entrüstung, der nach der Bekanntmachung von Kogels Plänen losbrach, ist unabhängig davon vollkommen berechtigt. Selbst in einigen Landtagen beschwerten sich Abgeordnete gegen die Abschiebung alter Menschen aufs Fernseh-Abstellgleis. Die plötzliche Bewußtwerdung, daß im einflußreichsten Medium der Gegenwart nicht der Mensch, sondern bedrucktes Papier, genannt Geld, im Mittelpunkt steht und der Zuschauer, ob jung oder alt, lediglich eine Schachfigur im Spiel finanzieller Interessen ist, heizt der Volksseele kräftig ein. Ob der Zorn etwas bewirkt, ist jedoch zweifelhaft; das Publikum vergißt schnell.


Eines muß man Fred Kogel jedoch lassen: Er spricht unverblümt aus, was für eine Politik die Programmplaner der privaten Sender im Grunde bereits seit Jahren betreiben.

26.7.04 14:01


Wunschkanzler Schröder? (1998)

Der neue Superstar der SPD, Gerhard Schröder, greift nach den Sternen. Erst räumte im Rennen um die Kanzlerkandidatur der SPD-Chef Oskar Lafontaine für seinen Parteigenossen die Bühne und überließ ihm das Rampenlicht, eine fast schon selbstlose Tat von Lafontaine zum Wohle der Partei und zur Verbesserung der Siegchancen, denn Lafontaine hängt im Volk noch immer der Ruch des größeren Egozentrikers an. Dann das „bombige“ (Lafontaine) Ergebnis der Landtagswahl in Niedersachsen am 1. März, das Ministerpräsident Schröder als strahlenden Gewinner sah, während die im Wahlkampf farblos gebliebene Konkurrenz von der CDU ihren Stimmenverlust zähneknirschend hinnehmen mußte. „Die Ära Kohl ist zu Ende!“, verkündete Schröder lachend.fficeffice" />


Überhaupt läßt sich die Landtagswahl auf den einfachen Nenner bringen, daß nur die SPD kräftig zulegte, während alle anderen Parteien verloren. Mit knapp 48 Prozent der Stimmen errang die SPD klar die absolute Mehrheit im Landtag, während die jahrelange Talfahrt der CDU in der Gunst der Niedersachsen sich weiter fortsetzte (jetzt 36 Prozent) und die FDP einmal mehr an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte. Meinungsumfragen und Wahlanalysen sehen den Ausgang der Wahl vor allem als deutliche Bestätigung Schröders als Kanzlerkandidaten durch die Niedersachsen. Auch in den bundesweiten Umfragen liegt Schröder momentan knapp vor Helmut Kohl, der als Amtsinhaber derzeit im Kreuzfeuer der Kritik steht wie selten zuvor. Inzwischen billigt eine Mehrheit der Bevölkerung der SPD und Schröder höhere Chancen in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und größere Kompetenz in Wirtschaftsfragen zu. Kohl jedoch will es seinem Konkurrenten nach eigenen Worten „noch einmal so richtig zeigen“ und gab an seine Wahlkampfstrategen die Devise aus, den fotogenen Schröder als „Medienstar“, als aufgebauschte Filmfigur zu entlarven.


In der Tat versteht sich Schröder instinktiv darauf, sich vor laufenden Kameras in ein gutes Licht zu rücken: Keine Großveranstaltung geht ohne Schröder über die Bühne; außerdem verfügt der Herausforderer über exzellente Kontakte zu Wirtschaft und Hochfinanz, was ihm den Spitznamen „Genosse der Bosse“ einbrachte. Gerade das aber macht Schröder für die klassischen Klientel der SPD, die Arbeiter, nicht eben glaubwürdig. Ferner werden in den unterschiedlichsten politischen Lagern die Stimmen laut, Schröder gehe es in der Hauptsache um Machtzuwachs und -erhalt.


Galt Schröder in seiner ersten Amtsperiode als Ministerpräsident Niedersachsens noch als unangepaßter Reformer, der sich für Umweltschutz und Minderheiten-Programme einsetzte, so ist sein Image nunmehr das eines eher gesetzten Pragmatikers, der seine politischen Ziele nicht allzu hoch steckt. Dieser Wandel ist es, der Schröder den Vorwurf eingebracht hat, seine politische Linie unterscheide sich kaum von der des derzeitigen Bundeskanzlers; er gebärde sich mitunter wie ein verkleinertes Abbild von Kohl. Schröder versucht jetzt verstärkt, sich zu profilieren. Sporadisch läßt er Deutschland mit seinem verhaltenen Euro-Skeptizismus aufhorchen; die europäische Währungsunion werde zu früh und zu überhastet durchgezogen und koste zunächst noch zusätzlich Arbeitsplätze. Andererseits versichert Schröder für einen Wahlsieg der SPD und seine Amtsübernahme: Er strebe eine Reform von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft an und werde die Führungskräfte Deutschlands für ein „Bündnis für Arbeit und Ausbildung“ zusammentrommeln.


Jedoch ziehen sich düstere Wolken über den möglichen Koalitionspartnern der SPD zusammen. Die Basis der Grünen beschloß nämlich, bis 2009 den Benzinpreis pro Liter auf volle fünf Mark anzuheben. Uneingedenk der edlen langfristigen Ziele wie Steuerreform und Senkung der Lohnnebenkosten, die die Grünen damit verfolgen mögen, sorgte die unverblümte Forderung für Irritation. Das schockierte Volk quittierte die Ankündigung denn auch mit einem miserablen Wahlergebnis für die Grünen bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein. In der Partei selbst ist ein heftiger Kampf über Sinn und Unsinn des Vorhabens entbrannt, von der Konkurrenz hagelt es Kritik. Die Politik der Grünen sei „lebensfremd“, heißt es. Auch Schröder sprach ein Machtwort: Die Grünen gefährdeten die Siegchancen der rot-grünen Koalition bei der Bundestagswahl ernsthaft, seien „nicht regierungsfähig“. Plötzlich steht die rot-grüne Koalition in Frage. Indes ermahnte der SPD-Vorsitzende Lafontaine Schröder, das notwendige Öko-Projekt zur Reform des Steuergesetzes nicht zu torpedieren.


Bis zur Ziellinie des 27. Septembers ist es für Gerhard Schröder und die SPD noch ein weiter Weg. Auf keinen Fall sollten sie den angeschlagenen Koloß Kohl abschreiben. Kohl forderte Schröder jetzt auf, in Sachen seiner politischen Leitbilder endlich Farbe zu bekennen. Aber: „Wenn wir schon zwischen Kohl und Kohl wählen müssen, dann nehmen wir diesmal den Jüngeren!“, sagen sich die Deutschen.

26.7.04 13:58





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